Mit „Wirtschaft integriert“ führt Hessen Flüchtlinge zum Berufsabschluss

Von Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

„Wir schaffen das“, dieser Satz stiftet auch nach über einem Jahr noch Kontroversen. Dabei ist es müßig zu streiten, ob er falsch oder richtig, naiv oder visionär, leichtfertig oder alternativlos war. Was zählt ist: Es gibt schlicht keine Alternative dazu, diesen Satz wahr zu machen. Und das heißt: den vielen hunderttausend in unser Land gekommenen Flüchtlingen nicht nur Schutz, sondern auch Perspektiven zu bieten.
Niemand konnte sich der Illusion hingeben, dass sich das im Vorbeigehen erledigen ließe; vielmehr ist es ein Marathonlauf, von dem wir erst einige Kilometer hinter uns haben. Hessen hat dabei einen guten Start hingelegt. Noch im Oktober 2015 hat die Landesregierung alle maßgeblichen Beteiligten zum Hessischen Asylkonvent zusammengerufen, aus dem die Initiative „Gemeinsam aktiv für die Integration von Flüchtlingen in die Arbeitswelt – Perspektiven für Menschen, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Hessen“ hervorging.

Ein wesentliches Element dieses Maßnahmenpakets ist das Programm „Wirtschaft integriert“, das im April 2016 startete und bundesweit seinesgleichen sucht. Dieses Gemeinschaftsprojekt des Hessischen Wirtschaftsministeriums, der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, des Hessischen Handwerkstags, der Arbeitsgemeinschaft der hessischen Industrie- und Handelskammern und des Bildungswerks der Hessischen Wirtschaft ebnet jungen Flüchtlinge und Zuwanderern den Weg zum Berufsabschluss. Denn Ausbildung und Arbeit sind Schlüssel zur Integration; darum stellt Hessen für das Programm elf Millionen Euro bereit.

Kennzeichen von „Wirtschaft integriert“ ist die nahtlose Förderkette von der Berufsorientierung bis zum Abschluss. Berufsbezogene Sprachförderung gehört durchgängig zu jeder Förderphase. Zielgruppe sind nicht nur die frisch angekommenen Flüchtlinge, sondern generell Frauen und Männer unter 27 Jahren, die noch nicht genug Deutsch sprechen, um eine Ausbildung ohne Hilfe zu absolvieren – also auch junge Menschen mit Migrationshintergrund, EU-Zuwanderer, Asylbewerber mit Bleibeperspektive sowie geduldete junge Menschen ohne Arbeitsverbot. Es geht um Ausbildung im Handwerk, in der Industrie, im Dienstleistungsbereich und den Freien Berufen.

Am Anfang steht die Berufsorientierung. Die jungen Menschen erproben sich drei Monate lang praktisch in mindestens drei Berufsfeldern und lernen die Arbeitswelt kennen. Das geschieht meist in den Werkstätten der Bildungsstätten des Hessischen Handwerks. Die Teilnehmer werden sozialpädagogisch begleitet, verbessern ihr Deutsch und werden bei ihrer Berufswahl unterstützt. Es gibt Hilfen für den Übergang in Ausbildung oder Einstiegsqualifizierungen und betriebliche Praktika.

Wie die ersten Erfahrungen zeigen, schaffen nur wenige unmittelbar danach den Einstieg in eine Ausbildung. Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvieren anschließend eine Einstiegsqualifizierung. Dabei verbringen Mit „Wirtschaft integriert“ führt Hessen Flüchtlinge zum Berufsabschluss Von Tarek Al-Wazir, Hessischer Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung sie sechs bis zwölf Monate in einem Ausbildungsbetrieb, flankiert von einem Stützangebot aus berufsbezogener Sprachförderung, Förderunterricht, Integrationshilfen und sozialpädagogischer Begleitung. Für diese Einstiegsqualifizierung werden landesweit 700 Plätze finanziert.

Daran schließt die eigentliche betriebliche Ausbildung an. Spezielle Ausbildungsbegleiter helfen den Teilnehmern und ihren Ausbildungsfirmen, Probleme und Hürden auf dem Weg zum Abschluss zu meistern. Hessen fördert 400 Ausbildungsplätze für junge Leute mit erhöhtem Sprachförderbedarf mit durchschnittlich 4.000 Euro pro Platz.

Derzeit hat „Wirtschaft Integriert“ 16 Standorte in ganz Hessen, bis Ende 2016 kommen fünf weitere hinzu. Das Programm ist gleichermaßen Integrations- wie Wirtschaftspolitik, denn es sind nicht nur die Zuwanderer, die damit an ihrer Zukunft arbeiten, sondern auch die hessischen Betriebe, die damit Auszubildende und Fachkräfte finden.

Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend: Die Resonanz ist gut, rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben die Orientierungsphase hinter sich und sind nun in der Einstiegsqualifizierung, einige von ihnen werden sogar gleich eine Ausbildung aufnehmen. Ein hoher Anteil der Teilnehmer kommt aus Afghanistan, Syrien, Somalia und Eritrea – die Zielgruppe wird also erreicht. Unbefriedigend ist derzeit allerdings der geringe Frauenanteil. Deshalb wird jetzt einer der fünf neuen Standorte jungen Frauen vorbehalten sein.

Fazit: Das Programm läuft, wie andere Teile unseres Aktionsplans auch. Das Ziel ist weit, aber wir sind auf dem Weg. Ein Marathonlauf erfordert einen langen Atem. Hessen hat ihn.