Fachkräftesicherung durch Mitarbeiterqualifizierung

Das Förderprogramm WeGebAU der Bundesagentur für Arbeit – Praxisbeispiel Haus Aja Textor-Goethe

Wenn Andreas Schenkel von seiner Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit Frankfurt berichtet, betont er gleich mehrfach, wie kompetent, engagiert, unbürokratisch und effektiv er beraten und unterstützt wurde und wird. „Keine Spur von negativen Erfahrungen, ganz im Gegenteil“, meint der Personalleiter der Altenpflegeeinrichtung Haus Aja Textor-Goethe an der Hügelstraße im Stadtteil Eschersheim. Namensgeberin ist Catharina Elisabetha Goethe, geb. Textor, die Mutter des Dichterfürsten.


Vor Jahren waren Vorruhestand und Altersteilzeit im Zusammenwirken mit der Bundesagentur zu regeln. Das ist gelungen. Gegenwärtig geht es um die Förderung der Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen des Programms „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen“ (WeGebAU). Die WeGebAU-Förderung gibt es seit mehr als zehn Jahren. Beratungsrelevant sind die Förderanträge dennoch – auch bei Unternehmen, die mit dem Programm vertraut sind, und nicht nur wegen der Modifikationen der Förderrichtlinien im Lauf der Jahre. Es handelt sich jeweils um Einzelfälle, die zu entscheiden sind. Auch für Andreas Schenkel ist WeGebAU kein Neuland. Zehn bis zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus Aja Textor-Goethe konnten bei der Qualifizierung zu Altenpflegern in den vergangenen Jahren über WeGebAU gefördert werden. Die WeGebAU-Berater der Frankfurter Arbeitsagentur, Peter Langbecker und Dr. Ludwig Heintze, haben die Einrichtung im Verfahren beraten und begleitet.

WeGebAU unterscheidet sich in seinem Ansatz von anderen Förderprogrammen der Bundesagentur für Arbeit, weil es sich an Beschäftigte und nicht an Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen richtet. Geringqualifizierte bzw. ungelernte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden bei Qualifizierungsmaßnahmen in einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis so gefördert, dass sie den Anforderungen an Fachkräfte gerecht werden.

Margit Oßowski und Ülkü Hasan

Wie dies gelingt, zeigt das Beispiel von Margit Oßowski. Die 46-jährige Mutter von zwei erwachsenen Kindern hat im Juli 2017 ihr Examen als Altenpflegerin bestanden und damit ihre auf zwei Jahre verkürzte Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Sie hat so die Voraussetzungen für eine Tätigkeit als Fachkraft in der Altenpflege geschaffen. Während ihrer Ausbildung war sie als Altenpflegehelferin im Haus Aja Textor-Goethe beschäftigt und wurde als solche bezahlt. Mit der Ausbildungsvergütung hätte sie – wie viele Seiten- und Quereinsteiger – diesen Weg nicht gehen können. Sie hat damit ein Berufsziel erreicht, das sie seit ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) im August-Stunz-Heim im Blick hatte. Die damals begonnene Ausbildung konnte sie wegen der Familienphase nicht abschließen. Seit 2001 arbeitet sie in der Pflegeeinrichtung in Eschersheim, hat in der Pflege ausgeholfen und war in der Bereichsküche eingesetzt. Im Sinn der Förderrichtlinien galt sie damit als geringqualifiziert.

Die Ausbildung hat Margit Oßowski in der Altenpflegeschule Max Q absolviert und die praktischen Anteile im Haus Aja Textor-Goethe geleistet. Die Agentur für Arbeit hat die Ausbildungskosten über einen Bildungsgutschein (BGS) vollständig übernommen und dem Arbeitgeber 50 Prozent der Lohnkosten sowie die anteiligen Sozialversicherungskosten erstattet – ein Ausgleich für die entgangene Arbeitszeit.

Personalleiter Andreas Schenkel mit Ülkü Hasan und Margit Oßowski, deren Ausbildung zu Altenpflegerinnen über WeGebAU gefördert wird.
Personalleiter Andreas Schenkel mit Ülkü Hasan und Margit Oßowski, deren Ausbildung zu Altenpflegerinnen über WeGebAU gefördert wird.
Ein anderes Beispiel ist Ülkü Hasan, eine 26 Jahre alte, aus der Türkei stammende junge Frau und Mutter eines fünfjährigen Sohns. Bis zur 12. Klasse hat sie in der Türkei die Schule besucht – das entspricht dem deutschen Hauptschulabschluss – und dann eine Lehre in Grafikdesign absolviert. Seit sechs Jahren lebt sie in Deutschland. Die deutsche Sprache ist für sie kein Problem, auch wenn sie nur einen Monat lang einen Deutschkurs besucht hat. Allenfalls die Fachsprache fordert sie, keinesfalls aber die Kommunikation mit Bewohnern und Klienten. „Die ganze Familie arbeitet in der ambulanten Pflege“, berichtet sie. Hier hat auch sie Erfahrungen gesammelt. Im Haus Aja Textor-Goethe konnte sie zunächst eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin absolvieren und im Mai 2017 erfolgreich abschließen. Am 1. Oktober 2017 hat ihre Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen. Der Verkürzung auf zwei Jahre Ausbildungsdauer muss das Regierungspräsidium zustimmen. Auch die Qualifizierung von Ülkü Hasan fördert die Bundesagentur für Arbeit mit einem Arbeitsentgeltzuschuss von 50 Prozent und durch die Übernahme der Ausbildungskosten.

Fachkräftesicherung

WeGebAU betrachten Dr. Ludwig Heintze und Peter Langbecker von der Agentur für Arbeit Frankfurt als ein zielführendes Förderinstrument zur Deckung des offenkundig bestehenden Fachkräftebedarfs in der Pflege. Damit gelingt es vielfach, Menschen aus dem Helferbereich zu Fachkräften weiter zu qualifizieren, ohne dass eine reine Ausbildungsvergütung die Basis für den Lebensunterhalt sein muss – für Quereinsteiger und Berufsrückkehrer/-innen oft eine hohe Hürde.

Der „Pflegenotstand“ ist für das Haus Aja Textor-Goethe kein entscheidendes Thema, wie Andreas Schenkel berichtet. Durch die eigene Altenpflegeschule mit gegenwärtig 40 Auszubildenden ist die Basis für die Fachkräftesicherung gelegt. Die anthroposophisch geprägte Einrichtung direkt neben der Waldorfschule und dem Rudolf-Steiner-Haus besteht seit 1985 und beschäftigt rund 320 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unter ihnen auch 80 geringfügig Beschäftigte. Sie betreuen 250 Bewohner und Patienten in den Bereichen Altenpflege und betreutes Wohnen, im Gartenhaus mit vier Wohngruppen für jeweils acht an Demenz erkrankte Menschen, in der Kurzzeitpflege und im ambulanten Dienst. Für die Einrichtung in Eschersheim besteht eine längere Warteliste. Dem steigenden Bedarf an altersgerechten Wohnungen soll durch einen zweiten Standort in einem anderen Stadtteil Rechnung getragen werden. Bis ein Neubau in Betrieb gehen kann, wird es wohl noch mehrere Jahre dauern.

WeGebAU – Zielgruppe, Qualifizierungsbereiche und Fördersätze

Im Rahmen des Programms „Weiterbildung Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen“ (WeGebAU) kann die Agentur für Arbeit Frankfurt Qualifizierungsmaßnahmen fördern, wenn die Teilnehmer/-innen für die Dauer einer Qualifizierung unter Fortzahlung des Arbeitsentgelts freigestellt werden. Der Arbeitgeber erhält unter bestimmten Voraussetzungen einen Arbeitsentgeltzuschuss. Darüber hinaus werden die Lehrgangskosten von der Arbeitsagentur ganz oder teilweise übernommen.

Zielgruppe des Programms WeGebAU sind nicht Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit Bedrohte, sondern Arbeitnehmer/-innen in einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis. Das bedeutet: Die Förderung ist möglich für Arbeitnehmer/-innen, die in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis stehen und keine SGB-II- oder KUG-Leistungen erhalten.

Grundsätzlich gilt: Die Agentur für Arbeit kann Aus- und Weiterbildungen nur dann fördern, wenn sowohl der Bildungsträger als auch der Lehrgang ein bestimmtes Qualitätsniveau haben. Das geforderte Qualitätsniveau muss durch eine Zulassung für die Weiterbildungsförderung durch eine fachkundige Stelle nachgewiesen werden. Sowohl Lehrgang („Maßnahme“) als auch Bildungsträger müssen die so genannte AZAVZertifizierung haben. Andere Zulassungen werden nicht anerkannt. Die Arbeitnehmer/-innen erhalten für die Förderung in der Regel einen Bildungsgutschein (BGS). Damit können sie unter zugelassenen Weiterbildungsangeboten wählen. Die Weiterbildungen müssen für den allgemeinen Arbeitsmarkt verwertbare Kenntnisse vermitteln, also über spezielle einzelbetriebliche Anforderungen hinausgehen.

Nicht förderfähig sind Qualifizierungen, zu denen der Arbeitgeber gesetzlich verpflichtet ist.

Das Programm WeGebAU besteht aus drei Fördersäulen, die auf unterschiedliche Arbeitnehmergruppen ausgerichtet sind und die sich teilweise in den Fördermodalitäten unterscheiden, nämlich
• Anpassungsqualifizierung
• Umschulung
• Teilqualifizierung (Einzelmodule).

Umschulung oder Teilqualifizierung

Im Rahmen von WeGebAU fördert die Agentur für Arbeit Frankfurt

• ungelernte Arbeitnehmer/-innen ab 25 Jahren und
• Arbeitnehmer/-innen mit Ausbildung, die mehr als vier Jahre nicht im erlernten Beruf tätig sind.

Voraussetzung für die Förderung einer Ausbildung ist, dass sie mindestens zwei Jahre dauert und zu einem staatlich anerkannten Abschluss führt. Mit Ausbildungen sind auch Umschulungen, Vorbereitungslehrgänge auf Externen- und Nichtschülerprüfungen sowie berufsanschlussfähige Teilqualifizierzungen gemeint.

In diesen Fällen gelten die folgenden Fördersätze:
• Übernahme der Weiterbildungskosten zu 100 Prozent,
• Arbeitsentgeltzuschuss (AEZ) bis zu 50 Prozent bei Umschulung,
• Arbeitsentgeltzuschuss (AEZ) ab 60 Prozent bei Teilqualifikation zuzüglich 10 Prozent je weiteres Modul (maximal 100 Prozent)    und
• zusätzlich entstehende Fahrt- und Kinderbetreuungskosten sowie Kosten für Unterkunft und Verpflegung.

Anpassungsqualifizierung

Über das Programm WeGebAU fördert die Agentur für Arbeit Frankfurt auch die Anpassungsqualifizierung. Zielgruppe sind

• alle Mitarbeiter/-innen in einem Betrieb mit weniger als 250 Beschäftigten.

Weiterbildungen zur Anpassung oder Erweiterung der beruflichen Kenntnisse müssen mindestens vier Wochen dauern und einen Umfang von wenigsten 160 Unterrichtseinheiten umfassen. Die Förderung richtet sich nach dem Einzelfall und ist abhängig von der Betriebsgröße und dem Alter des Beschäftigten.

Für die Anpassungsqualifizierung übernimmt die Agentur für Arbeit Frankfurt die Weiterbildungskosten nach folgenden Fördersätzen:

• bis zu 75 Prozent bei über 45-Jährigen im Fall einer Freistellung des Arbeitnehmers bzw. der Arbeitnehmerin, sonst 50 Prozent,
• bis zu 50 Prozent bei unter 45-Jährigen.

In Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten können die Lehrgangskosten in voller Höhe übernommen werden.

Rechtsgrundlagen: §§ 81 Abs. 2 und 82 SGB III sowie § 131a Abs. 1 SGB III.

Beratung / Info:

Agentur für Arbeit Frankfurt am Main
Fischerfeldstraße 10 - 12
60311 Frankfurt am Main
Fax 069 / 217 120 21
Frankfurt-Main.Arbeitgeber@arbeitsagentur.de
Ansprechpartner:
Peter Langbecker                   Dr. Ludwig Heintze
Tel. 069 / 217 120 59             Tel. 069 / 217 120 36