Die Krise als Chance für Weiterbildung? Ein Überblick

Von Marco Nickel, Geschäftsführer der Walter-Kolb-Stiftung

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Marco Nicke
Die Krise als Chance nutzen. So oder so ähnlich wird an unterschiedlichen Stellen herausgearbeitet, wie aus der wirtschaftlichen Krise etwas Positives gewonnen werden kann. Die Weiterbildung von Arbeitnehmer/-innen ist dabei ein Kernthema, für welches im Kontext der Fachkräfteentwicklung bereits seit einigen Jahren sensibilisiert und subventioniert wird. Hier ist insbesondere die Förderung durch das Qualifizierungschancengesetz bzw. das Arbeit-von-Morgen Gesetz zu nennen, welche immer häufiger die abschlussbezogene Weiterbildung für Arbeitnehmer/-innen unterstützen. In diesem Artikel möchten wir aktuelle Arbeitsmarktanalysen vorstellen, um der Frage nachzugehen, inwiefern Unternehmen die Krise als Chance zur Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden nutzen bzw. genutzt haben. Diese Analysen flankieren wir mit den Erfahrungen aus unserer Beratungsarbeit, um auch aus der Perspektive der Arbeitnehmer/-innen Weiterbildungsbeteiligung in Zeiten der Krise zu beleuchten.
Schon vor der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen im öffentlichen Leben war die Weiterbildung von Personal ein zentrales Thema. Insbesondere im Kontext des Fachkräftemangels wurde immer wieder dafür geworben, das eigene Personal zu qualifizieren, um durch aktive Fachkräfteentwicklung Engpässe zu vermeiden. Rund 80  % der Unternehmen nannten vor 2020 jedoch insbesondere zeitliche Faktoren als Hinderungsgründe für berufliche Weiterbildung des Personals, da dieses über einen teilweise längeren Zeitraum nur eingeschränkt eingesetzt werden konnte. Damit waren zeitliche Gründe sogar häufiger ein Problem als finanzielle Gründe.
Die Corona-Pandemie hat das Weiterbildungsverhalten in Unternehmen beeinflusst. Antworten auf die Frage, wie sich das Verhalten geändert hat, gibt insbesondere das Institut der deutschen Wirtschaft mit der Auswertung des „IW-Covid-19-Panel“ und eine Befragung von Betrieben durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB). Demzufolge betreiben 44,5 % der Unternehmen unverändert, 12,0 % sogar mehr Weiterbildung als vor der Pandemie. Die Bundesregierung stößt durch Maßnahmen sogar die Verknüpfung von Kurzarbeit und Qualifizierung an. Jedoch zeichnet sich die Corona-Krise durch Kontaktbeschränkungen aus, die auch die Weiterbildungsbranche an sich getroffen hat. Die Nachfrage nach digitalen Lernformaten stieg in kurzer Zeit enorm: Während vor der Pandemie rund 35 % aller Qualifizierungen digital angeboten wurden sind es im August 2020 bereits 54 %. Analysen zeigen, dass Unternehmen, die schon vor der Pandemie digitale Lernformate genutzt haben bzw. aus digital-affinen Branchen stammen, deutlich häufiger Weiterbildungsaktivitäten in digitale Formate übersetzen und fortführen konnten. In Summe konnten rund 1/3 der aktiven oder geplanten Aktivitäten digital umgesetzt oder fortgesetzt werden, wobei kleine Unternehmen bei der Transformation die größten Schwierigkeiten hatten.
25,9  % der Unternehmen haben angegeben, weniger Weiterbildungsaktivitäten als vor der Pandemie umzusetzen bzw. durch fehlende Alternativangebote umsetzen zu können. Nach Angaben des IAB gab jeder zehnte Betrieb, der Kurzarbeit nutzte, an, die ausgefallene Arbeitszeit zur Qualifizierung der Mitarbeitenden zu nutzen. Interessant ist in beiden Analysen die Feststellung, dass große Unternehmen häufiger angegeben haben, weniger Weiterbildungsaktivitäten umsetzen zu können. Die Forscher vermuten hier, dass dies damit zusammenhängt, dass große Unternehmen Weiterbildungsaktivitäten über Budgets steuern, die im Rahmen wirtschaftlicher Einbußen reduziert werden mussten. In der Befragung des IAB gaben 39 % der Unternehmen, die Kurzarbeit nutzen zudem an, dass das Thema Weiterbildung aktuell eher nachrangig ist. 81 % der Betriebe nannten die Unsicherheit des weiteren Krisenverlaufs als Grund für ausbleibende Weiterbildungsaktivitäten.
Diese Unsicherheit ist auch bei den Arbeitnehmer/-innen zu beobachten. Insbesondere im Jahr 2020 ist die Nachfrage nach beruflicher Beratung sowohl in unserer Einrichtung als auch in anderen Beratungsstellen gesunken. Die Themen in diesem Zeitraum beziehen sich häufig auf ungewohnte Unsicherheiten: Langjährige Mitarbeiter/-innen, die in einer unbefristeten und sicheren Anstellung sind konnten in kürzester Zeit ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen – teilweise monatelang. Neben den psychischen Folgen, in denen wir an fachliche Kolleg/-innen verwiesen haben, sind berufliche Qualifikationen die zentralen Punkte gewesen.
Insbesondere für die Region Frankfurt am Main können wir aus der Beratungsarbeit berichten, dass eine Vielzahl unserer erwerbstätigen Ratsuchenden aus den von der Pandemie besonders getroffenen Branchen stammen (insbesondere Luftverkehr und Gastronomie). Dennoch zeigen auch hier Untersuchungen, dass für viele Arbeitnehmer/-innen Weiterbildung ein eher zweitrangiges Thema war. Eine Untersuchung des Institutes für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung im Juni 2020 hat ergeben, dass nur etwa 5% der in Kurzarbeit tätigen Arbeitnehmer/-innen die Zeit für Qualifizierung genutzt haben. Die Gründe hierfür werden in der Beratungsarbeit deutlich: Neben den beschriebenen eingeschränkten Möglichkeiten für Präsenzveranstaltungen und damit einhergehend fehlenden Angeboten sind finanzielle Hintergründe für unsere Ratsuchenden wichtige Faktoren. Die Unsicherheiten, welche die Kurzarbeit oder sogar der Jobverlust evozieren, führen zu einer erhöhten Vorsicht bei Investitionen – auch in sich selbst.
Fazit: Die mit der Corona-Pandemie verbundene, wirtschaftliche Krise wurde nur unter bestimmten Bedingungen zur Chance für Qualifikation genutzt. Insbesondere der kaum kalkulierbare Krisenverlauf und geltende Kontaktbeschränkungen waren für die Unternehmen und Arbeitnehmer/-innen Hauptgründe Bildungsvorhaben einzuschränken

Info / Kontakt:

Walter-Kolb-Stiftung e. V.
Braubachstraße 30-32
60311 Frankfurt am Main
Telefon 069/212-40900
Mail info@walter-kolb-stiftung.de
www.walter-kolb.de

Quellen und weitere Informationen:

https://www.kofa.de/fileadmin/Dateiliste/Publikationen/KOFA_Kompakt/Weiterbildung_waehrend_Corona-Pandemie.pdf
https://www.iab-forum.de/weiterbildung-in-der-covid-19-pandemie-stellt-viele-betriebe-vor-schwierigkeiten/
https://www.iwkoeln.de/studien/susanne-seyda-beate-placke-erfahrung-mit-e-learning-erleichtert-weiterbildung-waehrend-der-corona-krise-490058.html
https://www.iwkoeln.de/studien/hans-peter-kloes-status-quo-und-weiter-entwicklung.html