VbFF e.V.: Digitales Klassenzimmer

Als einer der großen und wichtigen Träger der beruflichen Bildung in Frankfurt unterstützt der „Verein zur beruflichen Förderung von Frauen“ (VbFF e.V.) zielgerichtet Frauen in beruflichen Belangen. Neben der persönlichen Beratung liegen die Schwerpunkte in der Berufsvorbereitung, der Ausbildung in Voll- und Teilzeit und der Berufsrückkehr nach einer Familienphase. Es geht in der Hauptsache um Kenntnis- und Wissensvermittlung. Das Regelformat war und ist der Präsenzunterricht in den Schulungsräumen in der Walter-Kolb-Straße in Sachsenhausen. Durch Corona bedingt musste der Unterricht Mitte März eingestellt werden. Die gewaltige Herausforderung der Neuorganisation umschreibt VbFFGeschäftsführerin Kerstin Einecke mit Understatement: „Während der Coronazeit verlegten wir den Unterricht für fast alle Ausbildungsgruppen komplett in den virtuellen Raum.“ Vor dem Lock-down konnten lediglich zwei anwesende Gruppen auf die veränderten Rahmenbedingungen vorbereitet werden, alle anderen Teilnehmerinnen fanden sich unvermittelt in der neuen Situation und mussten abgeholt werden. Für die Fortführung der visuellen Kontakte wurden zunächst vorhandene Dienste wie Skype, WhatsApp und andere Messenger genutzt, Unterrichtsmaterialien und Aufgaben wurden per Mail verschickt, korrigiert und dann telefonisch besprochen.

Das VbFF-Team entwickelte parallel ein Konzept für ein „digitales Klassenzimmer“ auf der technischen Basis von Adobe Connect, in dessen Anwendung auch Coaches und Dozentinnen erst Routine erlangten mussten. Bei den Teilnehmerinnen war eine deutlich höhere Lernkurve erforderlich. Sie wurden an die Nutzung der verschiedenen Techniken und Module herangeführt, insbesondere in einem Prozess von Learnig by doing, der bis hin zur Präsentation der Arbeitsergebnisse im Plenum, dem Hochladen von eigenen Arbeitsergebnissen und dem gemeinsamen Bearbeiten von Dokumenten führte. Für jede Gruppe wurden eigene virtuelle Klassen- bzw. Meetingräume und unterschiedliche Räume pro Fach und Unterrichtseinheit eingerichtet. Das System wurde interaktiv und abwechslungsreich genutzt. Neben Input-Phasen gab es individuelle Übungs-Sessions und gemeinsame Brainstormings auf dem Whiteboard, Teilnehmerinnen übertrugen ihre Ergebnisse von ihren persönlichen Bildschirmen in den virtuellen Klassenraum, Aufgaben in den Lernfeldern wurden gemeinsam erarbeitet und kurze Lernerfolgstests durchgeführt.

Die Arbeit im Homeoffice war nicht nur für Coaches, Dozentinnen und Ausbilderinnen eine neue Erfahrung, sondern durch die Intensität vor allem auch für die Teilnehmerinnen fordernd. Insbesondere wenn virtueller Unterricht und Kinderbetreuung parallel zu bewältigen waren, war hohe Selbstdisziplin gefordert.
VbFF e. V. Geschäftsführerin
VbFF-Geschäftsführerin Kerstin Einecke: „Wir sind gespannt, wie wir das in der Krise Gelernte in Zukunft einsetzen und nutzen können. Digitales Lernen ist auf Dauer zwar eine gute Ergänzung, kann aber den Präsenzunterricht nicht ersetzen, wenn man mit der
Darauf stellten sich die Dozentinnen ein und passten die curricularen Abläufe an: Input-, Selbstlern- und Präsentationsphasen wurden so geordnet, dass sie mit der häuslichen Kinderbetreuung vereinbar waren. Während der eigenständigen Arbeitsphasen konnten die Teilnehmerinnen bei Fragen per Chat oder Messenger, E-Mail, Telefon oder Videotelefonie mit dem Betreuungsteam kommunizieren. Bei den Ausbildungsklassen fanden morgendliche Online-Meetings zum gemeinsamen Start in den Arbeitstag statt, um Anliegen und Arbeitsaufgaben durchzugehen, und auch am Ende des Arbeitstags gab es kurze Meetings, um den Tag zu besprechen.

Mit dem „digitalen Klassenzimmer“ ist es dem VbFF e.V. gelungen, den Kernbetrieb durch „alternative Formen der Maßnahmedurchführung“, wie es in der Terminologie der Bundesagentur für Arbeit heißt, sicherzustellen. Die Lebenswirklichkeit der Teilnehmerinnen ist aber komplexer: Etliche verfügen nicht über einen ausreichende technische Ausstattung, haben keinen PC, kein Laptop, kein W-LAN oder ihnen fehlt das Know-how für die Systemnutzung. In solchen Fällen war der traditionelle Postweg das Mittel der Wahl. Im Einzelfall konnten Teilnehmerinnen aber auch unter Einhaltung der Hygienevorschriften in einem Einzelbüro des VbFF e.V. ein vorbereitetes Laptop nutzen, wobei sie eine Pädagogin aus dem Homeoffice per Video beriet.

Vor diesem Erfahrungshintergrund ist verständlich, dass eine Reihe von Teilnehmerinnen lieber in der Einrichtung betreut werden wollten, da sie sich hier besser konzentrieren und eine leistungsfähige Infrastruktur nutzen konnten. Vielen fehlt auch ein entsprechend eingerichteter, vernünftiger Arbeitsplatz zu Hause. Ihre eigenen vier Wände zu verlassen und mit anderen Menschen in persönlichen Kontakt und Austausch zu treten, ist für viele Frauen aus dem VbFF-Betreuungskreis wichtig und hilfreich. Dass die Präsenz im Unterricht eine gesicherte Kinderbetreuung voraussetzt, gilt für die Teilnehmerinnen an den VbFF-Kursen wie für jede andere Arbeitnehmerin auch.

Viele VbFF-Teilnehmerinnen haben Erziehungspflichten, zum Teil sind sie alleinerziehend. Sie berichten, dass ihnen der digitale Unterricht sehr hilfreich erscheint und das innovative Format viele Vorteile bietet. Der virtuelle Raum ermöglichte Wiedersehen und Austausch mit Dozentinnen und anderen Teilnehmerinnen und ließ ein gewisses Gruppengefühl entstehen, das der durch Corona bedingten Isolation entgegenwirkte. Gerade für viele Mütter erwies sich der Onlineunterricht als zeitlich flexibles, familienfreundliches Format ohne zeitaufwendige Wege. Die Mütter konnten zu Hause bleiben und die Betreuung der Kinder in der im Vergleich zum Präsenzunterricht kürzeren Zeitspanne einfacher organisieren. Für das VbFF-Team ist deutlich, dass virtueller Unterricht viele Vorteile bietet. Er kann aber den Face-to-Face-Kontakt, der das Lernen zur „ganzheitlichen Erfahrung“ macht, nicht ersetzen. Gestik, Mimik, Spontanität und Bewegung sind wichtig und im virtuellen Lernen zwar durchaus möglich, aber nur eingeschränkt.

Corona hat VbFF e.V. unerwartet getroffen, aber nicht „kalt erwischt“. Kerstin Einecke: „Glücklicherweise hatten wir bereits vor Corona geplant, virtuellen Unterricht durchzuführen. Einige Mitarbeiterinnen waren bereits in Live-OnlineTrainings geschult. Die Krise durch Covid-19 zwang uns nun dazu, das Gelernte und Geplante schnell in die Realität umzusetzen. Gemeinsam mit unseren Teilnehmerinnen erprobten wir die Möglichkeiten virtueller Angebote und Formate. Dies hat vielfach zu besonders guten, produktiven und spannenden Momenten geführt.“
Digitale Medien wurden auch bisher schon in den VbFF-Seminaren eingesetzt. Die Erfahrungen in der Coronazeit sind jetzt der Kick-off für eine breitere Nutzung.
Digitale Medien wurden auch bisher schon in den VbFF-Seminaren eingesetzt. Die Erfahrungen in der Coronazeit sind jetzt der Kick-off für eine breitere Nutzung.
Mittlerweile hat der Präsenzunterricht im VbFF e.V. wieder begonnen. Für Teilnehmerinnen, die aufgrund fehlender Kinderbetreuung oder Zugehörigkeit zur Risikogruppe nicht vor Ort sein können, wird der Unterricht zum Teil über den virtuellen Klassenraum übertragen, so dass sie von zu Hause daran teilnehmen können. Langfristig wird die Arbeit im virtuellen Klassenraum wohl eine Ergänzung zum Präsenzunterricht in Form von Blended-Learning-Formaten bieten. Die Workshops und Unterrichtseinheiten werden kontinuierlich weiterentwickelt und immer mehr kreative Methoden eingebaut.

Die VbFF-Kursangebote gehen über die Kenntnisvermittlung hinaus und folgen einem ganzheitlichen Ansatz, der bedarfsgerecht auch die persönliche Beratung, die pädagogische Begleitung und die sozialpädagogische Unterstützung umfasst. Kerstin Einecke berichtet: „In der Corona-Hochsaison wurde die Onlineberatung häufig in Anspruch genommen. Von unseren Teilnehmerinnen bekamen dazu wir viele positive Rückmeldungen. Sie waren überrascht, dass die Beratung auf diesem Weg so gut funktionierte. Nach meiner Überzeugung ist digitales Lernen auf Dauer zwar eine gute Ergänzung, kann aber den Präsenzunterricht nicht ersetzen, wenn man mit der benachteiligten Zielgruppe arbeitet.“