„Ein Glücksgriff“

Integrationserfolge des Jobcenters bei der Stadt Frankfurt – Förderung über das Teilhabechancengesetz
Joachim Rummel (re.), Sachgebietsleiter im Amt für Wohnungswesen der Stadt Frankfurt, und Donald Federspiel vom Arbeitgeberservice des Jobcenters (li.)
Joachim Rummel (re.), Sachgebietsleiter im Amt für Wohnungswesen der Stadt Frankfurt, und Donald Federspiel vom Arbeitgeberservice des Jobcenters (li.)
Die Stadt Frankfurt am Main ist neben der Agentur für Arbeit einer der beiden Träger des Jobcenters. Gleichzeitig ist die Stadt selbst mit ihren „stadtnahen Betrieben“ ein großer Arbeitgeber. Es liegt also nahe, dass die Stadt bzw. die stadtnahen Betriebe und das Jobcenter bei der Personalgewinnung die Zusammenarbeit suchen, um Bürgerinnen und Bürgern aus dem Betreuungsbereich des Jobcenters eine Beschäftigungschance zu bieten.

Nun folgt die Besetzung von Stellen im öffentlichen Dienst aber auch eigenen Regeln und Gesetzen, die das Verfahren von der freien Wirtschaft unterscheiden: Die Positionen müssen im Stellenplan verankert sein, Stellenausschreibungen sind obligatorisch, für die Bezahlung sind Entgeltgruppen maßgeblich, der Personalrat und die Gleichstellungsstelle sind zu beteiligen. Auf diese Besonderheiten hat sich das Jobcenter eingestellt: Im Arbeitgeberservice wurde ein eigener Zuständigkeitsbereich für die stadtnahen Betriebe und die verwandten Bereiche Vereine, soziale Träger und Wohlfahrtsverbände geschaffen. Donald Federspiel betreut die stadtnahen Betriebe. Zwei Beispiele zeigen seine erfolgreiche Vorgehensweise.

Amt für Wohnungswesen

„Ein Glücksgriff“, meint Joachim Rummel, Sachgebietsleiter im Amt für Wohnungswesen der Stadt Frankfurt, zu dem Mitarbeiter, den ihm Donald Federspiel vermittelt hat. Biniam Fessehaye ist studierter Dipl.-Bauingenieur und arbeitet im Amt für Wohnungswesen seit 22. Oktober 2019. Weil er zuvor viele Jahre arbeitslos war, fördert das Jobcenter seine Beschäftigung über das Teilhabechancengesetz. Auf der Grundlage von § 16i SGB II werden dem Arbeitgeber die Lohnkosten in den ersten beiden Jahren zu 100 Prozent ersetzt, in den folgenden Jahren mit degressiven Sätzen. Bis die Gesamtförderzeit ausgelaufen ist, hat Biniam Fessehaye praktisch das Rentenalter erreicht.
Dipl.-Bauingenieur Biniam Fessehaye (62) wurde vom Amt für Wohnungswesen mit einer Förderung nach dem Teilhabechancengesetz eingestellt
Dipl.-Bauingenieur Biniam Fessehaye (62) wurde vom Amt für Wohnungswesen mit einer Förderung nach dem Teilhabechancengesetz eingestellt
Er wurde im Jahr 1958 in Asmara, Eritrea geboren und hat sein Heimatland 1978 in Zeiten von Krieg und Unruhen verlassen, um dem Kampfeinsatz zu entgehen. Mit seinem äthiopischen Pass konnte er ohne Probleme allein in Deutschland einreisen und besitzt inzwischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Er hat schnell die deutsche Sprache erlernt und das Abitur nachgeholt. Später studierte er an der Technischen Universität Darmstadt und der Fachhochschule Frankfurt und bestand im Jahr 2002 die Prüfung zum Dipl.-Bauingenieur. Das Studium – durch verschiedene Jobs selbst finanziert – hat aber nicht zum beruflichen Ziel geführt. Er musste sich anders orientieren und sein Geld sechs Jahre als Kundenberater im Innen- und Außendienst in der Kosmetikbranche verdienen. Zuletzt war er als Servicefahrer bei einem Pizzadienst geringfügig beschäftigt.

„Ein interessanter Lebenslauf, aber einem Arbeitgeber nicht einfach zu vermitteln“, fand Donald Federspiel zu einer Zeit, als er mit dem Personal- und Ordnungsamt der Stadt als der für Einstellungen zuständigen Stelle Kontakt gefunden und dabei speziell auf die Möglichkeiten des Teilhabechancengesetzes hingewiesen hatte. So wurde er auf eine Position im Amt für Wohnungswesen aufmerksam und reichte das Profil von Biniam Fessehaye bei Sachgebietsleiter Rummel ein. Es galt, eine Nachfolgeregelung für einen Mitarbeiter im nichttechnischen Außendienst zu finden. Sein Hauptaufgabengebiet: Mietwohnungen aus städtischem Eigentum aufsuchen, Mängel feststellen und die fachgerechte Beseitigung kontrollieren. Wegen des bestehenden Vergütungsrahmens kam ein Bautechniker eher nicht in Betracht. Wie ein Anwalt und Fürsprecher konnte sich Donald Federspiel für den Bewerber einsetzen, den er schon einige Zeit kannte und seine Qualitäten einzuschätzen wusste.

Joachim Rummel prüfte den Lebenslauf und lud den Bewerber zum Vorstellungsgespräch ein, dann folgte ein vierwöchiges Praktikum (MAG) im September 2019. Nachdem die formalen Hürden genommen, die zu beteiligenden Instanzen gehört und die Ausnahmegenehmigung für die Wiederbesetzung erteilt waren, konnte Biniam Fessehaye Ende Oktober 2019 mit der Arbeit, die er im Praktikum schon kennengelernt hatte, beginnen.

Das Amt für Wohnungswesen arbeitet an einem neuralgischen Punkt – „nicht erst jetzt, die Knappheit an bezahlbarem Wohnraum haben wir in Frankfurt schon lange“, erklärt Joachim Rummel. 185 Mitarbeiter sind in der Dienststelle an der Adickesallee beschäftigt. In der Abteilung für Wohnraumversorgung kümmern sie sich um die Registrierung der Interessenten – gegenwärtig über 8.500 – und die Vermittlung. Hinzu kommt der Erhalt der Wohnungen, die Beseitigung der Mietmängel, die Administration von Vorkaufs- und Belegungsrechten, Wohngeld und Lastenzuschuss und nicht zuletzt die im Jahr 2015 wieder eingeführte Fehlbelegungsabgabe. Die Bearbeitung der hohen Anzahl von regelmäßigen Anfragen zur Fehlbelegung überschreitet allerdings die vorhandenen Personalkapazitäten. Dafür werden dann jeweils Kräfte aus der Zeitarbeit und Arbeitnehmerüberlassung herangezogen. Die Erfahrungen, wie mit den Fördermöglichkeiten des Teilhabechancengesetzes umzugehen ist, werden bei Joachim Rummel von Kollegen aus anderen städtischen Einrichtungen inzwischen immer wieder abgefragt. Er kann nicht nur wertvolle Verfahrenshinweise geben, sondern auch die Effizienz der Zusammenarbeit mit Donald Federspiel betonen.


Amt für Straßenbau und Erschließung
Matthias Mohr (li.) und Rüdiger Auth (re.) vom Amt für Straßenbau und Erschließung der Stadt Frankfurt mit Donald Federspiel vom Arbeitgeberservice des Jobcenters (2. v. r.) und dem Fachlageristen Abadu Mesmer.
Matthias Mohr (li.) und Rüdiger Auth (re.) vom Amt für Straßenbau und Erschließung der Stadt Frankfurt mit Donald Federspiel vom Arbeitgeberservice des Jobcenters (2. v. r.) und dem Fachlageristen Abadu Mesmer.
Als Fachlagerist hat der 42-jährige Abadu Mesmer, verheiratet und Vater von drei Kindern, beim Amt für Straßenbau und Erschließung der Stadt Frankfurt Baubezirk Nord/Ost einen Job gefunden. Das Jobcenter fördert seine Beschäftigung auf der Grundlage des Teilhabechancengesetzes nach § 16e SGB II. Das bedeutet einen Lohnkostenzuschuss in Höhe von 75 Prozent im ersten und 50 Prozent im zweiten Beschäftigungsjahr. Auch für Abadu Mesmer hat sich Donald Federspiel eingesetzt – „mit voller innerer Überzeugung“, wie er sagt. „denn ich kannte ihn schon länger und wusste, dass er mehr Potenzial hat als mancher Bewerber mit guten Zeugnissen.“

Die Fürsprache hat geholfen. Ohne Donald Federspiels Eintreten wäre Abadu Mesmer wahrscheinlich nicht zum Zuge gekommen, wie sich seine Vorgesetzten Rüdiger Auth und Matthias Mohr im Amt für Straßenbau und Erschließung Baubezirk Nord/Ost erinnern. Den Sprachkurs B2 hat er zwar nicht bestanden, beherrscht die deutsche Sprache aber trotzdem. So konnte er im Vorstellungsgespräch überzeugen und hatte die Gelegenheit, in einem betrieblichen Praktikum von zweimal drei Wochen seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. „Herr Federspiel hat nicht zuviel versprochen. Herr Mesmer hat das Warenwirtschaftssystem, mit dem wir das zentrale Baustofflager, fast 4.000 Straßenschilder für den gesamten Stadtbereich und vielfältiges Material verwalten, sofort verstanden. Er sieht die Arbeit!“
Abadu Mesmer flüchtete 2014 aus Eritrea allein nach Frankfurt und hat später seine Familie nachgeholt.
Abadu Mesmer flüchtete 2014 aus Eritrea allein nach Frankfurt und hat später seine Familie nachgeholt. In seinem Heimatland war er Berufskraftfahrer im Militärdienst und Kfz-Mechaniker für Nutzfahrzeuge. Die fünfköpfige Familie war kurz von Wohnungslosigkeit bedroht, nachdem sie ihre Unterkunft in einem Hotel innerhalb eines Tages verlassen musste. Es fand sich eine Interimslösung in einer zum Abriss stehenden Sport- und Kulturhalle. Danach konnte ein Platz in einer Sammelunterkunft gefunden werden, in der die Familie derzeit wohnt. In seinem Job engagiert er sich mit vollem Einsatz.
Seit 1. Dezember 2019 arbeitet Abadu Mesmer als Alleinkraft im Lager des Amts für Straßenbau und Erschließung am Oberschelder Weg. Die Dienststelle mit rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist für die Bezirke Nord/Ost zuständig und hat außerdem übergeordnete Aufgaben für das ganze Stadtgebiet. Das Amt für Straßenbau und Erschließung sorgt für eine verkehrssichere und moderne Erschließung des etwa 1.450 km langen Straßennetzes der Stadt, es kümmert sich um die Unterhaltung öffentlicher Straßen, Wege und Plätze und annähernd 500 Ingenieurbauwerke einschließlich der 400 Brücken und 30 Tunnel sowie die Bauwerke für Lärmschutz, Stützbauwerke und Verkehrszeichenbrücken. Die einzelnen Baubezirke gewährleisten die Verkehrssicherheit, indem sie Straßen sanieren, Schlaglöcher schließen, Straßenschilder aufstellen und Fahrbahnmarkierungen aufbringen.