Eine Zukunft in Deutschland

Aus der Erfahrung des Kompetenzzentrums zur beruflichen Integration und Nachqualifizierung


Betrachten wir die Anzahl der volljährigen Personen, die im Jahr 2016 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfasst wurden, so kommen wir trotz rückläufiger Zahlen auf 460.984 registrierte Asylanträge (vgl. BAMF-Kurzanalyse 02/2017). Bei den Herkunftsländern dominiert mit weitem Abstand nach wie vor Syrien, gefolgt von Afghanistan und dem Irak. Besonders auffällig ist das überdurchschnittliche gute Bildungsniveau der Einwanderer aus Syrien und dem Iran. In der Gesamtbetrachtung aller Herkunftsländer hat 2016 etwa jeder zehnte Asylantragsteller im Herkunftsland zuletzt im Handwerksbereich gearbeitet. Nicht in allen Ländern kommt einem formalen Berufsabschluss so eine Bedeutung zu wie in Deutschland. Vor diesem Hintergrund trägt eine Kompetenzfeststellung informell erworbener beruflicher Qualifikationen zu einem klareren Bild bezüglich der Voraussetzungen bei. Wer zum Beispiel über viele Jahre hinweg erfolgreich im Kraftfahrzeugbereich oder Baugewerbe gearbeitet hat, bringt berufliches Erfahrungswissen mit.

Zu Recht verweist die Studie der Bertelsmann Stiftung zur Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen darauf hin, dass davon ausgegangen werden kann, dass ungefähr 50 Prozent der Schutzsuchenden ein Bleiberecht in Deutschland erhalten werden und eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt entscheidend für das Gelingen der deutschen Flüchtlingspolitik und den sozialen Zusammenhalt sein wird. (vgl. Dr. Aumüller, Jutta 2016)

Die Walter-Kolb-Stiftung e. V. hat mit Unterstützung der randstad stiftung das Kompetenzzentrum zur beruflichen Integration und Nachqualifizierung ins Leben gerufen. Zielgruppe sind Menschen mit Migrations- bzw. Fluchthintergrund, für die der Arbeitsmarktzugang nicht immer einfach ist. Trotz enormer Herausforderungen bringt diese Zielgruppe besondere Motivlagen und Potenziale mit. Die Menschen, die uns aufsuchen, möchten unbedingt arbeiten. Sie wollen nicht von Unterstützung abhängig sein. Sie haben nicht nur ihre eigene Zukunft im Blick, sondern auch ein großes Verantwortungsgefühl gegenüber Angehörigen, die sie zurücklassen mussten. 
Das Angebot des Kompetenzzentrums versteht sich als Ergänzung zu den bestehenden Regelangeboten und wird ausschließlich auf freiwilliger Basis in Anspruch genommen. Um Sprachbarrieren zu begegnen, ist das Team der Walter-Kolb-Stiftung e. V. um entsprechende Muttersprachler erweitert worden. Dadurch bauen die Betroffenen manchmal eine Vertrauensbasis auf, die in formaleren Settings eher vermieden wird. Für die Beratungsarbeit sind insbesondere die Randthemen besonders aufschlussreich, um Zusammenhänge herstellen zu können. Herkunftsspezifische Logiken sind oft nicht gleich nachzuvollziehen und können leicht zu falschen Interpretationen führen. Manchmal sind es die kleinen unbürokratischen Hilfeleistungen, welche mit großer Dankbarkeit belohnt werden.

So läuft der Kontakt mit zuständigen Stellen manchmal ins Leere, weil die genannten Formulare im Internet nicht gefunden werden können oder man nicht verstanden hat, wo diese zu finden sind. Es liegt in der höflichkeitsorientierten Kultur des jeweiligen Kommunikationsmusters, dies nicht offen zuzugeben, weil man damit dem Gegenüber signalisieren würde, es nicht ausreichend erklärt zu haben. Beim Ausfüllen der Formulare wird dann oft ebenfalls punktuell Hilfe benötigt.
Dr.Christel Lenk, Geschäftsführerin der Walter-Kolb-Stiftung e. V.
Dr. Christel Lenk, Geschäftsführerin der Walter-Kolb-Stiftung e. V.
Ausbildungsabbrüche in der Anfangsphase können sich als sprachliche Überforderung herausstellen. Man kam einfach nicht mehr mit. Anvisierte Berufsbilder, die man kennt, stimmen nicht mehr mit der aktuellen Entwicklung überein und sind auf wenige Berufe begrenzt. So kann es passieren, dass die gewünschte Eingliederung in den Kfz-Bereich aus unterschiedlichen Gründen nicht so einfach umsetzbar ist. Bei der Suche nach Alternativen kommt das Gefühl auf, dass Begeisterung anders aussieht. Eine unbeabsichtigte Bemerkung, dass eine Bäckerei Mitarbeiter sucht, stößt dann plötzlich auf starkes Interesse. „Bäckereihandwerk geht auch!“ Wenn man verwundert nachfragt, ist die Logik dahinter, dass man sich, falls es mit der Beschäftigung nicht klappt, mit beiden Berufen selbstständig machen könnte. Wir haben inzwischen gelernt, noch mehr zu fragen. Warum ist das beabsichtigt oder warum geht etwas nicht. Wir haben gelernt, dass die Betroffenen Erwachsene mit einer Lebenserfahrung sind, um die wir sie nicht beneiden, und die relativ genaue Vorstellungen davon haben, was sie wollen und können.

Die Selbstständigkeit schwingt als Alternative immer mit, das kennt man aus dem Heimatland und es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass eine berufliche Etablierung in Deutschland für Ausländer nicht so einfach ist. Bei flexibler Handhabung der Problemlagen kommt fast immer Bewegung in eine Sache. Die Hilfe beim Formularausfüllen, Anschreiben in deutscher Sprache gegenlesen und Erstgespräche am Telefon mit potenziellen Arbeitgebern, Praktikumsstellen oder anderen Einrichtungen übernehmen, damit es nicht schon im Vorfeld an sprachlichen Schwierigkeiten scheitert, stellen oftmals eine große Hilfe dar, ohne sich gleich in einen fremdbestimmten Projektablauf zu begeben. Auch die zahlreichen Unterstützungsangebote werden gerne in Anspruch genommen, wenn sie in verständlicher und begründeter Form nach einer vorhergehenden IstAnalyse empfohlen werden.

Gerade Handwerksbetriebe, die Stellen nicht besetzen können und von Vorstellungsgesprächen mit unmotivierten Pflichtbewerbern genervt sind, versuchen es gerne und schätzen die Einsatzbereitschaft. Innovative Unterstützungsangebote, die gerade im Entstehen sind und kurzfristig sowie unkompliziert helfen können, werden langfristig gesehen eine Erleichterung darstellen. 

Dr. Christel Lenk, Geschäftsführerin der Walter-Kolb-Stiftung e. V.

Kontakt / Info:
Weitere Informationen unter
www.kompetenzzentrum-walter-kolb-stiftung.de