Detlef Scheele, Vorstandvorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, über die Herausforderungen eines Arbeitsmarktes im Wandel

Die Zahl der Arbeitslosen hat einen Tiefststand erreicht und auch die Jobcenter pro tieren von der anhaltend guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, allerdings haben es Langzeitarbeitslose nach wie vor schwerer. Kann mit einem höheren Mitteleinsatz nach Ihrer Einschätzung beim Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit mehr erreicht werden?

 

„In den vergangenen Jahren waren die Jobcenter chronisch unter nanziert. Wir wollen langzeitarbeitslose Menschen intensiver und individueller betreuen. Dafür bedarf es zusätzlicher Mittel für das SGB II insgesamt.“

BA-Vorstandsvorsitzender Detlef Scheele: Im Koalitionsvertrag wurde ein neues Regelinstrument zur Integration von Langzeitarbeitslosen vereinbart – mit einem Volumen von 4 Milliarden Euro für die Legislaturperiode. Es geht um die Schaffung eines sozialen Arbeitsmarktes für Menschen, die auf dem regulären Markt aktuell so gut wie keine Chance auf eine Eingliederung haben. Dass die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit von den Regierungsparteien so konkret als wichtige Aufgabe für die nächsten Jahre beschlossen und mit nanziellen Mitteln hinterlegt wurde, ist aus meiner Sicht ein großer Fortschritt und wird den Jobcentern in den kommenden Jahren helfen. Davon unabhängig wäre es wünschenswert, auch das Gesamtbudget für das SGB II zu erhöhen. In den vergangenen Jahren waren die Jobcenter chronisch unter nanziert, viel Geld ist in den Verwaltungshaushalt geflossen. Wir wollen langzeitarbeitslose Menschen intensiver und individueller betreuen. Dafür bedarf es zusätzlicher Mittel für das SGB II insgesamt. Dass sich die Mühe lohnt, zeigt auch das Modellprojekt im Jobcenter Frankfurt am Main. Dort, wo die Kolleginnen und Kollegen die Langzeitarbeitslosen häufiger sehen, verdoppelt sich die Integrationsquote nahezu. Das ist für mich der richtige Weg. 

Mehr als 330 Langzeitarbeitslose hat das Jobcenter Frankfurt am Main über das Sonderprogramm ESF-LZA mit hohen Lohnkostenzuschüssen und einer sozialpädagogischen Begleitung in Beschäftigung gebracht. Sind Ansätze wie dieser erforderlich? 

Scheele: Ja und nein. Grundsätzlich ist der Ansatz, Menschen mit intensiver Betreuung und Lohnkostenzuschüssen in Arbeit zu bringen, richtig. Dies ist ja auch die Grundidee des sozialen Arbeitsmarktes. Allerdings habe ich immer gesagt: Wir benötigen dazu keine weiteren Sonderprogramme. Das Thema Langzeitarbeitslosigkeit ist ausreichend erforscht, Sonderprogramme binden immer zunächst zusätzliches Personal und benötigen einige Zeit, um anzulaufen. Wir können dies auch in unserem Regelgeschäft leisten – aber, ich habe es ja bereits gesagt, dafür bräuchten wir mehr Mittel für die Jobcenter insgesamt. 

„Grundsätzlich ist der Ansatz, Menschen mit intensiver Betreuung und Lohnkostenzuschüssen in Arbeit zu bringen, richtig. Dies ist ja auch die Grundidee des sozialen Arbeitsmarktes.“ 

Welche Erwartungen setzt die Bundesagentur für Arbeit in den „sozialen Arbeitsmarkt“? 

Scheele: Nun, im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung darauf geeinigt, bis zu 150.000 langzeitarbeitslose Menschen in den nächsten Jahren eine Beschäftigung auf dem sozialen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das entspricht in etwa der Schätzung der Forscher unseres Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wonach etwa 100.000 bis 200.000 langzeitarbeitslose Menschen, die bereits mehrere Jahre im Bezug sind, für das Programm in Frage kämen. 

Es ist wichtig, Menschen, die zurzeit faktisch keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben, soziale und damit auch gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Vor allem für Familien, in denen beide Elternteile langzeitarbeitslos sind, ist dies auch eine präventive Maßnahme, um die so genannte „Vererbung“ der Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit zu durchbrechen. 

Sie haben sich in der Startphase im Jobcenter Frankfurt am Main über das Projekt „JobJump“ informiert und den Ansatz einer intensiven Individualbetreuung befürwortet. Mittlerweile ist dieses Angebot in das Regelangebot des Jobcenters Frankfurt übergegangen und verstetigt. Ist diese Form der intensiven Betreuung ein Zukunftsweg? 

Scheele: Auf jeden Fall. Unsere Erkenntnisse, auch aus anderen Modellprojekten, zeigen, dass dort, wo der Betreuungsschlüssel zum Beispiel auf 1 zu 100 verringert wird und die Menschen intensiv und nachhaltig begleitet werden, sich die Integrationsquote nahezu verdoppelt. Deshalb setzen wir uns gegenüber der Politik auch so vehement für Rechtsvereinfachungen wie Bagatellgrenzen und Pauschalierungen ein; sie sollen die Kolleginnen und Kollegen von der administrativen Arbeit entlasten und eine bessere Betreuung der Kundinnen und Kunden ermöglichen. 

Die Integration von Menschen mit Migrationsbiografie ist für die international und multikulturell geprägte Rhein-Main-Region kein prinzipiell neues Thema. Dennoch ist die Situation der geflüchteten und asylsuchenden Menschen in den Städten und speziell in Frankfurt eine kontinuierliche Herausforderung. Welche Integrationsstrategien verfolgt die Bundesagentur für Arbeit? Wie schaffen wir es einerseits, die relativ arbeitsmarktnahen Geflüchteten als solche zu identifizieren und schnell und nachhaltig in Beschäftigung zu integrieren? 

Scheele: Da gehen die Arbeitsagentur und das Jobcenter Frankfurt am Main bereits sehr gute Wege, zum Beispiel mit der Anerkennungsberatung und dem Welcome Center in der Arbeitsagentur. Wir haben einige besonders auf Geflüchtete zugeschnittene Instrumente, mit denen Spracherwerb und Ausbildungsvorbereitung, Ausbildung oder eine Beschäftigung kombiniert werden. Denn Spracherwerb ist und bleibt der erfolgskritische Faktor. In einer so internationalen Stadt wie Frankfurt ist Mehrsprachigkeit allerdings manchmal sogar ein Vorteil, und Unternehmen sehen auch die interkulturelle Kompetenz der Menschen. Insofern ist, gerade hier in Frankfurt am Main, auch die Wirtschaft ein sehr aktiver Partner bei der Integration von Geflüchteten in Arbeit und Ausbildung, das freut mich sehr. Mit dem Flughafen gibt es sogar eine intensive Kooperation. Also, ich kann nur sagen: Sie machen hier in Frankfurt sehr gute Arbeit! 

Was halten Sie andererseits für erforderlich, die wahrscheinlich größere Gruppe der arbeitsmarktferneren Ge üchteten auf ihrem langen Weg von der Alphabetisierung bis zur Arbeitsmarktintegration zu begleiten? 

Scheele: Wir haben ein neues Instrument entwickelt, mit dem wir das berufliche Handlungswissen der Menschen – unabhängig davon, ob Gerüchtete oder gering Qualfizierte – sichtbar machen können. „MySkills“ ist ein spracharmes und bildgestütztes Testverfahren für Menschen, die keine Zertifikate oder Zeugnisse vorweisen können, aber bestimmte berufliche Erfahrungen mitbringen. Mit diesem Instrument können die Vermittlerinnen und Vermittler bessere Eingliederungsstrategien entwickeln und passgenauere Qualifizierungen anbieten. Das hilft auch den Arbeitgebern, wenn wir ihnen sagen können, wie das tatsächliche berufliche Handlungswissen von Menschen ist, die zum Beispiel sagen, sie hätten im Herkunftsland jahrelang Autos repariert. Und wir freuen uns, wenn auch die Jobcenter „MySkills“ einsetzen und für ihre Vermittlungsarbeit nutzen. 

„Qualifizierung“, ob sprachlich oder allgemein beruflich, ist eine völlig unbestrittene Aufgabe der Zukunftsgestaltung. Wie stellt sich die Bundesagentur für Arbeit auf diese Herausforderung ein? Welche Angebote schaffen Sie für Arbeitsuchende, Arbeitnehmer und Betriebe? Insbesondere der Megatrend „Industrie 4.0“ und die Digitalisierung der Arbeitswelt bedeuten einen tiefgreifenden Transformationsprozess und führen zu einem strukturellen Wandel. Was plant die Bundesagentur für Arbeit, um die Chancen in diesem Transformationsprozess zu fördern und die Risiken aufzufangen? 

Scheele: Wir haben bereits 2016 mit einem Modellprojekt begonnen, in dem genau diese Zukunftsthemen bearbeitet werden. Bei der „Lebensbegleitenden Berufsberatung“ geht es darum, wie wir Menschen als Lotsen durch ihr gesamtes Erwerbsleben begleiten können – vor allem vor dem Hintergrund, dass die Digitalisierung die Tätigkeiten der Menschen zunehmend verändern wird und der Beratungsbedarf während des ganzen Erwerbslebens bleibt – auch bevor sie arbeitslos werden. 
Wir setzen dabei vor allem auf Prävention, also die bessere und intensivere Beratung von jungen Menschen in der Schule – bereits ab der Klasse 8 und an gymnasialen Oberstufen in der Klasse 11. Hinzu kommt eine verbesserte Beratung und Unterstützung von potenziellen Ausbildungs- und Studienabbrechern in den Berufs- und an den Hochschulen.
Schließlich wollen wir auch für Menschen, die erwerbstätig sind, aber zum Beispiel gering qualifiziert sind, ein Beratungsangebot schaffen und ihnen Möglichkeiten zur Weiterbildung aufzeigen. Um es aber ganz klar zu sagen: Die Arbeitgeber sind die ersten Ansprechpartner, wenn es um Weiterbildung geht. Sie wissen am besten, wie sich die Tätigkeiten in ihrem Betrieb verändern werden und welche Weiterbildung ihre Beschäftigten benötigen. Wir können dabei aber, wenn gewünscht, beratend zur Seite stehen. 

Wie stellt sich die Bundesagentur für Arbeit selbst in ihren Kommunikationsmodellen und Geschäftsprozessen auf die Digitalisierung ein?

Scheele: Wir haben eine eigene digitale Agenda. Sie bündelt digitale Services für Bürger und unsere Beschäftigten gleichermaßen. Wir bauen zum Beispiel unsere Online-Angebote sowohl für arbeitslose Menschen als auch für die Arbeitgeber aus und wollen so einen Zugang zur BA, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag und unabhängig vom Endgerät bieten. So modernisieren wir zurzeit nach und nach die Jobbörse, damit Betriebe und Menschen auf Stellensuche noch einfacher, schneller und passgenauer zueinander finden. Unsere eigenen Beschäftigten wollen wir mit innovativen Services unterstützen: von der IT-Unterstützung im Tagesgeschäft bis hin zur Digitalisierung von internen Verwaltungsprozessen und der Vernetzung mit anderen Behörden. Ein Beispiel dafür ist die e-Akte, die nun auch sukzessive in den Jobcentern eingeführt wird.

Wir haben über Arbeitsuchende, Arbeitslose und Langzeitarbeitslose gesprochen und sollten jetzt den Fokus auf die Arbeitgeber richten. Welche Perspektiven, Programme und Projekte planen Sie für den Kunden Arbeitgeber? Beabsichtigen Sie, den Arbeitgeber-Service (AG-S) als Schnittstelle zwischen der Arbeitsverwaltung und den Betrieben neu zu organisieren bzw. zu justieren?
Scheele: Wir entwickeln gerade unser Dienstleistungsangebot für die Arbeitgeber-Kunden weiter. Die große Herausforderung ist, Unternehmen auch in der jetzigen Arbeitsmarktsituation, die von steigendem Fachkräftebedarf und rückläufigen Bewerberzahlen gekennzeichnet ist, professionell bei der Sicherung ihres Personalbedarfs zu unterstützen. Hierbei wollen wir Arbeitgeber künftig verstärkt auch präventiv beraten, wie sie ihre Chancen im zunehmenden Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter verbessern können. Speziell qualifizierte Berater sollen sie dabei unterstützen. Sie agieren als Lotsen und binden Experten aus ihrem Netzwerk ein – z. B. Berater von Kammern, Verbänden, Sozialversicherungsträgern oder gemeinnützigen Initiativen.

Ausbildungsbetriebe klagen darüber, nicht die passenden oder überhaupt keine Auszubildenden zu finden. Welche Angebote haben Sie für Ausbildungsbetriebe über Einstiegsqualifizierung (EQ), Ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) und Assistierte Ausbildung (AsA) hinaus?
Scheele: Dies sind bereits unsere wichtigsten Angebote – und wir sehen, dass sie angenommen werden und für die Arbeitgeber wichtige Unterstützungsmaßnahmen sind. Ich bin dagegen, immer neue Sonderprogramme oder Modellprojekte zu entwickeln, wenn wir schon bewährte Maßnahmen haben. Unser Arbeitgeber-Service unterstützt die Betriebe aber auch mit Beratung.

Welche Zielsetzung verfolgt die Bundesagentur für Arbeit mit einer Perspektive auf das Jahr 2025? 

Scheele: Das ist eine große und weitreichende Frage. Ich habe bereits viele Punkte angesprochen: Prävention, die Bekämpfung von Langzeit-arbeitslosigkeit, digitaler Wandel sind die Stichpunkte. Wichtig wäre mir auch die intensive Kooperation vor Ort zwischen Jobcentern, kommunalen und Arbeitsmarktpartnern. Beim sozialen Zusammenhalt vor Ort spielen die Jobcenter eine ganz gewichtige Rolle. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit viel persönlichem Einsatz, Herzblut, unter manchmal herausfordernden Bedingungen und zum Teil mit langem Atem dafür, dass Menschen wieder in Arbeit kommen und dass sie auf dem Weg dorthin die notwendige soziale Sicherung erhalten.  

Fragen: Dr. Wolfgang Reister. Das Interview wurde schriftlich geführt.
Detlef Scheele
Detlef Scheele, 1956 in Hamburg geboren, verheiratet, drei Kinder, ist seit 2015 Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit (BA) und seit 01. April 2017 in der Nachfolge von Frank-Jürgen Weise BA-Vorstandsvorsitzender. Sein beruflicher Werdegang: Studium der Politik-, Sport- und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg (1979 bis 1984), Persönlicher Referent des SPD- Landesvorsitzenden (1985 bis 1987), Geschäftsführer von Einrichtungen für Qualifizierung und Beschäftigung (1987 bis 2008 und 2010 bis 2011), Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2008 bis 2009) sowie Senator für Arbeit, Soziales, Familie und Integration der Freien und Hansestadt Hamburg (2011 bis 2015).