„Bewerberorientierte Intensivbetreuung“

Zufriedene Arbeitgeber: Deutschherrenbund und Everest Travel GmbH

332 Bewerberinnen und Bewerber hat das Jobcenter Frankfurt am Main im Rahmen des ESF-Programms für Langzeitarbeitslose (ESF-LZA) in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsver-hältnisse vermittelt. Betriebsakquisiteure bzw. Betriebsberater, Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber und eine sozialpädagogische Betreuung zur Stabilisierung der Beschäftigung waren die drei Säulen von ESF-LZA. Das Programm ist abgeschlossen. Die gewonnenen Erfahrungen nutzt das Jobcenter jetzt für das „Regelgeschäft“: Ein Team von Arbeitsvermittlern hat  die Aufgabe der „bewerberorientierten Intensivbetreuung“.   

Vom Orgelbauer zum Hausmeister

Nach zehn Jahren Arbeitslosigkeit hat Daniel Then (43) einen neuen Job als Hausmeister und Verwaltungsangestellter gefunden – bei einem besonderen Arbeitgeber in Sachsenhausen, der nie zuvor zum Jobcenter oder zur Arbeitsagentur Kontakt hatte. Daniel Then ist seit 1. Dezember 2017 Mitarbeiter des Deutschen Ordens bzw. genauer des Deutschherrenbundes. „Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Ordens St. Mariens in Jerusalem e. V., Gemeinschaft der Familiaren der Ballei Deutschland des Deutschen Ordens“ steht auf der Visitenkarte von Daniel Then wie auf der seines Vorgesetzten, des Kanzleisekretärs André Gottfried. Dieser erklärt die Beziehung zwischen den Institutionen so: „Der Deutschherrenbund ist der weltliche Verein für die kirchliche Organisation der Familiarenballei Deutsch-land des Deutschen Ordens.“ 

Der Arbeitsplatz von André Gottfried und Daniel Then liegt am Museumsufer in Sachsenhausen: die Deutschordenskommende mit der Deutschordenskirche – ein bedeutender historischer Ort. Die Ursprünge reichen bis Kuno von Münzenberg (1190) und Kaiser Friedrich II. zurück, der Kirche, Spital und den Sandhof 1221 dem Deutschen Orden übertrug. Die Geschichte ist mit Walther von Cronberg (1479 bis 1543), dem Hochmeister des Deut-schen Ordens, verbunden und nahm im Spätmittelalter, in der Reformationszeit und während des Dreißigjährigen Kriegs bis hin zur Säkularisation einen bewegten Verlauf. Im 19. Jahrhundert war das Deutschordenshaus Sitz des Kriegsministeriums des Großherzogtums Frankfurt, später Lazarett und dann Kaserne, bevor es in das Eigentum der katholischen Gemeinde Frankfurt überging. Nach Kriegszerstörungen wurde die Ruine des Deutschordenshauses 1958 durch den Deutschen Orden zurückgekauft und in den 60er Jahren wiederaufgebaut. Seit 2012 befindet sich im Konventstrakt das Noviziat der deutschen Brüderprovinz des Deutschen Ordens. Das Deutschordenshaus beherbergt seit 1989 außerdem das Frankfurter Ikonenmuseum und das Dezernat für Kultur und Wissenschaft bereits schon seit 1972. 

Daniel Then erwähnt seine „Begeisterung für Kirchen“. Das steht wohl im Zusammenhang mit seinem Beruf – er ist gelernter Orgel- und Harmoniumbauer, hat im Umkreis von Frankfurt gearbeitet und wurde bei der Restaurierung historischer Instrumente in der Bodenseeregion eingesetzt. Die Arbeiten im Bamberger Dom zählen zu seinen beruflichen Höhepunkten. Ein schwerer Bandscheibenvorfall bereitete seiner selbstständigen beruflichen Tätigkeit aber vor zehn Jahren ein Ende. Vor vier Jahren kam er erstmals in Kontakt mit der Deutschordenskirche, als er im Rahmen einer Arbeitsgelegenheit („Ein-Euro-Job“) als Kirchenaufsicht eingesetzt wurde. „Durch seine Motivation hat er auf sich aufmerksam gemacht“, erinnert sich André Gottfried. In der Folge wurde Daniel Then dann als geringfügig Beschäftigter mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten beauftragt. „Dabei hat er handwerkliches Geschick,  Zuverlässigkeit und Genauigkeit im Detail bewiesen“, so André Gottfried. 

Auch als Minijobber war Then von Leistungen des Jobcenters abhängig. Seine persönliche Ansprechpartnerin sah in der Intensivbetreuung eine Chance für die Reintegration in das Berufsleben. Über das Projekt JobJump kam Daniel Then dann in den Betreuungsbereich von Donald Federspiel, der sich intensiv um ihn kümmerte und die Gespräche mit den Verantwortlichen im Deutschherrenbund bzw. beim Deutschen Orden  führte. Hilfreich war dabei ein Förderangebot aus dem ESF-Programm für Langzeitarbeitslose. Der Lohnkostenzuschuss kann anfängliche Minderleistungen ausgleichen: Daniel Then hat keine Ausbildung und keine Erfahrung im Verwaltungsbereich, die er sich jetzt aneignen kann. 

Sein Vorgesetzter André Gottfried ist recht zuversichtlich: „Der Deutschherrenbund ist ein treuer Arbeitgeber.“

64 Jahre alt, Migrationsbiografie

Die Everest Travel GmbH wurde 1992 als deutscher Teil der nordamerikanischen SkyLink-Gruppe gegründet, sie hat eine IATA-Lizenz und ist eine von mehreren verbundenen deutschen Firmen, darunter seit 2001 die Firmen Skylink Travel House GmbH und PAS – Professional Aviation Solutions GmbH. Die Verbindung stellt die Skylink Holding Germany her, die wiederum an mehreren anderen Firmen beteiligt ist. Everest Travel organisiert individuelle Großprojekte im Bereich Flug, Linie ebenso wie Charter, Einzelpassagen und Gruppen, Kurzzeit- und Langzeit-Programme, Projekte mit viel oder keiner Vorlaufzeit. 

Geschäftsführerin Barbara Fanslau erläutert das Geschäftsmodell: „Wir sind keine Fluglinie und kein Reiseveranstalter, sondern eine Art Navigator mit individuellen Lösungen für die ungewöhnlichsten Projekte und Großprojekte, die wir mit jahrzehntelanger Erfahrung in allen Erdteilen realisieren.“ Es geht dabei im Wesentlichen um Sonder-Flugprojekte im Linien- und Charterbereich, die Zusammenarbeit mit internationalen Hilfsorganisationen, Projekte zum Aufbau von Flugverbindungen und Voll-Charter-Projekte sowie andere Aviation-Dienstleistungen – ein Rundumservice von der Planung bis zu Flugüberwachung. Zahlreiche Organisationen in den USA und Europa nutzen dieses Dienstleistungsangebot für weltweite Flugbewegungen.

Ein spezialisiertes Geschäftsmodell braucht Mitarbeiter, die besonderen Anforderungen gerecht werden. Klassische Ausbildungsberufe wie Luftverkehrs-, Reiseverkehrs- oder gar Tourismuskaufleute entsprechen nicht dem Anforderungsprofil von Everest Travel. „Wir stricken eher die Arbeitsplätze und Aufgabenbereiche um unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter herum“, berichtet Barbara Fanslau. „Wir machen keine Einschränkungen bei Alter, Herkunft, Geschlecht, aber gutes Englisch ist wichtig, ebenso Teamfähigkeit und die Bereitschaft, sich auf das Aufgabengebiet einzustellen.“ Durchschnittlich 25 Beschäftigte arbeiten in den Büros in der Baseler Straße, nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof. Etliche von ihnen sind schon viele Jahre im Unternehmen, vier neue Mitarbeiter/-innen aus dem Betreuungsbereich des Jobcenters hat Donald Federspiel in den letzten drei Jahren in das Unternehmen vermittelt.   

Einer von ihnen ist Kinfe Welde Georgis – Jahrgang 1954, ein Mann mit Migrationsbiografie, aber einwandfreien Deutschkenntnissen. Er stammt aus Eritrea, hat dann im Sudan vier Semester Physik studiert, als Buchhalter im Rechnungswesen, als Lehrer und in einem Logistikunternehmen gearbeitet. Im Jahr 1990 kam er nach Deutschland, wurde schnell als Asylant anerkannt, hat in einem Kurs innerhalb von acht Monaten die deutsche Sprache erlernt und Weiterbildungsmaßnahmen, u. a. als Industriekaufmann und später in Buchhaltung und SAP absolviert, außerdem hat er an der Fernuniversität Hagen BWL studiert. Kinfe Welde Georgis hat selbstverständlich schon in den 90er Jahren Arbeit gefunden, auch bei Zeitarbeitsfirmen. Als er schließlich arbeitslos wurde, hat er jeden Tag Bewerbungen geschrieben. Seine Bemühungen haben aber erst zum Erfolg geführt, als er am ESF-Programm für Langzeitarbeitslose teilnehmen konnte. Im Rahmen einer „assistierten Vermittlung“ gelang es Donald Federspiel, Barbara Fanslau für den Bewer-ber zu interessieren, der in einem Praktikum seine Fähigkeiten und seine Motivation unter Beweis stellen konnte. Auch bei ihm gilt: Der Aufgabenbereich wurde auf seine Person zugeschnitten, er wird als Controller und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, als Finanzbuchhalter eingesetzt. Ein Lohnkostenzuschuss aus dem ESF-Förderprogramm hat dabei geholfen, wie bei einem anderen Bewerber, den Everest Travel aus dem Kundenkreis des Jobcenters eingestellt hat. Die beiden anderen Einstellungen wurden nicht gefördert.