„Abgedreht“ – Einsatz in der  Filmfabrik von Michel Gondry

„Abgedreht“ – Einsatz in der Filmfabrik von Michel Gondry

Teilnehmer des GFFB-Projekts „Stadtteil- und Kulturarbeit“ betreuen Gruppen beim Filmemachen

Die „Filmfabrik“ des französischen Regisseurs und Filmemachers Michel Gondry macht erstmals in Deutschland Station. Noch bis zum 28. Januar 2018 zeigt das Deutsche Filmmuseum am Frankfurter Schaumainkai die Sonderausstellung „Abgedreht“. Sie ist keine herkömmliche Präsentation und mehr als eine museumspädagogische Aktion, eher ein kreativer Workshop und eine Art interaktiver Parcours. Alle können in dieser Werkstatt für Filmbegeisterte mitmachen – Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Laien und Profis, Singles und Familien, Privat- oder Geschäftsleute. Die Filmfabrik möchte Menschen zusammenbringen und ihnen die Möglichkeit geben, in drei Stunden gemeinsam in einer Gruppe ihren eigenen Film zu produzieren – von der Idee über die Dreharbeiten bis zur Kinopremiere. Hinter den Kulissen wirken Akteure mit, die als Langzeitarbeitslose vom Jobcenter Frankfurt am Main betreut werden. Sie nehmen am Projekt „Stadtteil- und Kulturarbeit“ der GFFB teil und werden jetzt in der Filmfabrik eingesetzt.

Das deutsche Filmmuseum

Das 1984 eröffnete Deutsche Filmmuseum ist in einer repräsentativen, aufwändig restaurierten und umgebauten historischen Villa am Frankfurter Museumsufer untergebracht und setzt die Tradition des Kommunalen Kinos der Stadt Frankfurt fort. Das Filmtheater ist dem Filmmuseum angegliedert. Hier werden einem interessierten Publikum filmhistorisch wichtige oder experimentelle Filme und Filmreihen über einzelne Regisseure und Schauspieler gezeigt. 
„Abgedreht“ – Einsatz in der  Filmfabrik von Michel Gondry Teilnehmer des GFFB-Projekts „Stadtteil- und Kulturarbeit“ betreuen Gruppen beim Filmemachen
Nach der Fusion des Deutschen Filmmuseums mit dem Deutschen Filminstitut im Jahr 2006 wurden beide Einrichtungen von Claudia Dillmann geleitet, deren Nachfolge Ellen M. Harrington im Januar 2018 antreten wird. Das Deutsche Filmmuseum behandelt das Medium Film in Geschichte und Gegenwart in einer Dauerausstellung. Es vermittelt den Besuchern einen Eindruck, mit welchen Mitteln eine bestimmte Wirkung im Film erzielt werden soll. In einem kleinen Kino werden kurze Filme aus dem ersten Jahrzehnt des Kinos gezeigt, die Archive umfassen Filmkopien, Dokumente, Fotos und Skizzen, die Bibliothek hat einen Bestand von mehr als 80.000 Titeln zum Thema Film. Außerdem werden Vorträge und Diskussionen angeboten. Damit ist das Deutsche Filmmuseum ein internationaler Treffpunkt für Filmschaffende. Zu den Gästen zählten Federico Fellini, Giulietta Masina, Eric Rohmer, Wim Wenders, Isabelle Huppert, Anthony Quinn und Geraldine Chaplin, die in den vergangenen Jahren die Einrichtung am  Museumsufer besuchten. Ein wichtiger Teil der Arbeit sind Sonderausstellungen, wie aktuell die „Filmfabrik“ von Michel Gondry, die seit neun Jahren um die Welt reist und zuvor u. a. in New York, São Paulo, Paris, Moskau, Johannesburg und Tokio gezeigt wurde.

Die Filmfabrik von Michel Gondry

Der französische Regisseur und Oscarpreisträger Michel Gondry will mit seinem Projekt „Filmfabrik“ Menschen dazu animieren, selbst kreativ zu werden und ideenreiche Werke zu schaffen – und zwar als Teil einer Gruppe. Wenn sie sich nicht als bestehende Gruppe, Firmenteam, Familie oder Schulklasse beteiligen, lernen sie sich oft erst beim Betreten der Filmfabrik kennen. Jeweils fünf bis zwölf Personen durchlaufen gemeinsam alle Stationen der Filmfabrik und erarbeiten nach einem genauen Leitfaden und Ablaufplan die einzelnen Produktionsschritte eines Films von der Auswahl eines Genres - sei es Krimi, Komödie oder Science Fiction - über die Titelfindung und den Entwurf des Handlungskonzepts bis zur Rollenverteilung und den Dreharbeiten selbst. 
Kuratorin Daria Berten und Claudia CzernohorskyGrüneberg, die Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt am Main

Kuratorin Daria Berten und Claudia CzernohorskyGrüneberg, die Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt am Main, im Gespräch mit Matthias Seyl. Der 57-jährige Fachmann für Textildruck hat eine DTP-Weiterbildung absolviert, hat mehrere Jahre als Koch gearbeitet und damit das Hobby zum Beruf gemacht, außerdem war er auch im Dialogmarketing tätig. Er bezieht Leistungen der Grundsicherung vom Jobcenter und ist Teilnehmer am Projekt „Stadtteil- und Kulturarbeit“ der GFFB. Mit großem Engagement betreut er die Gruppen in der Filmfabrik. 
Roland Faul (61)

Roland Faul (61) betreut in der Filmfabrik die dritte Station. Hier händigt er die Kameras aus, gibt nützliche Tipps und bereitet die Filme auf DVD vorführbereit und archivierungsfähig auf. Der gebürtige Frankfurter hat als Maler und Lackierer gelernt und dann 23 Jahre als Laborant bei Höchst gearbeitet. Gesundheitsbedingt hat er eine Umschulung zum Ver- und Entsorger bzw. zum PC-Netzwerktechniker absolviert. In diesem Beruf hat er fünf Jahre gearbeitet, bis sein Arbeitgeber 2014 die Firma schließen musste. Das Jobcenter Frankfurt hat ihm die Teilnahme am GFFBProjekt „Stadtteil- und Kulturarbeit“ ermöglicht. Im Rahmen dieser „Arbeitsgelegenheit“ wird Roland Faul in 25 Wochenstunden eingesetzt und erhält dafür zusätzlich zu den Leistungen der Grundsicherung eine Mehraufwandsentschädigung. 


Die Filmfabrik stellt nicht nur das technische Equipment zur Verfügung, sondern auch Vorrichtungen für Filmtricks, vorbeiziehende Häuserblocks etwa oder eine Vespa für Standfotos. Vor allem aber stehen ein Fundus an Kostümen und nicht weniger als 20 Kulissen für die Dreharbeiten bereit, die gewissermaßen „das Herzstück der Filmfabrik“ bilden, wie Kuratorin Daria Berten bemerkt. Das Angebot reicht vom Dorfplatz, Café, Büro und Schlafzimmer über die U-Bahn und den Wald bis hin zum Friedhof, die obligatorischen Fluchtkorridore eingeschlossen. Sobald der Inhalt festgelegt ist, die Rollen verteilt und die Kostüme ausgesucht sind, kann es losgehen: Für die eigentlichen Dreharbeiten bleibt eine Stunde Zeit.

In drei Stunden gemeinsamer Kreativarbeit entsteht ein kurzer Genrefilm, den sich die Teilnehmer in der letzten Station, dem Filmfabrikkino, gemeinsam ansehen. Anschließend wandert der Film ins wachsende Archiv der Filmfabrik.

Eine Tour durch die Filmfabrik hat nicht das Ziel, ein filmisch perfektes Werk zu schaffen. Im Vordergrund steht vielmehr die kreative Zusammenarbeit der Teilnehmer, die – ob sie einander bereits kennen oder nicht – beim Verfolgen eines gemeinsamen Ziels eine produktive und einzigartige Gruppendynamik entstehen lassen. „Die Erfahrung zeigt: Einen Film 
drehen, das können alle – wenn nur eine gute Idee da ist“, berichtet Daria Berten. „Jeder soll hier die Möglichkeit haben, seine kreativen Ideen filmisch umzusetzen. Diese selbstgemachte Unterhaltung soll vor allem eines – nämlich Spaß machen.“ Auch Firmen und Institutionen nutzen die Filmfabrik für das „Teambuilding“.

Kooperation beim Personal

Das Deutsche Filmmuseum ist die ideale Location für eine Veranstaltung wie die Filmfabrik von Michel Gondry. Ihr Inhalt, ihr Ablauf und ihre Struktur sind von den zwölf vorherigen internationalen Standorten vorgegeben. In Veranstaltungsmarketing, PR und Besucheransprache besitzt das Filmmuseum ein ausgeprägtes Know-how. Bleibt der Personaleinsatz. 

Kuratorin Daria Berten wollte neue Wege gehen, nahm Kontakt zum Jobcenter Frankfurt am Main auf und fand mit ihrem Anliegen offene  Ohren bei Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg – und einen  Lösungsansatz, der nicht besser hätte sein können: das Projekt „Stadtteil- und Kulturarbeit“ der GFFB, das vom Jobcenter getragen wird und zu dem das städtische Frankfurter Arbeitsmarktprogramm (FRAP) einen Beitrag leistet. In diesem Projekt werden Langzeitarbeitslose für unterschiedliche Tätigkeiten, die der Unterstützung und Förderung von Stadtteilaktivitäten und Kulturveranstaltungen dienen, eingesetzt. In Kooperation mit anderen gemeinnützigen Einrichtungen werden kreative Angebote entwickelt oder bei der Umsetzung unterstützt. Hierzu zählen z. B. Straßenfeste, Flohmärkte, Kleinkunstprojekte, Hilfen bei der Veranstaltungsorganisation oder die mediale Unterstützung von Veranstaltungen. Die Tätigkeiten sind gemeinwohlorientiert, die Teilnehmer werden im Rahmen von „Arbeitsgelegenheiten“ eingesetzt und erhalten eine finanzielle Aufwandsentschädigung zusätzlich zu den Leistungen der Grundsicherung vom Jobcenter. Gleichzeitig haben sie die Möglichkeit, ihre Kenntnisse im Bereich Kulturmanagement und Öffentlichkeitsarbeit auszubauen sowie ihre Recherche- und EDV-Kompetenzen zu erweitern. Zu den bisherigen Aktivitäten zählt z. B. das Informationsportal „ErlebnisRaumFrankfurt“, das von den Teilnehmenden selbst mit Informationen zur Frankfurter Kulturszene gefüllt und regelmäßig aktualisiert wird. In Kooperation mit dem Projekt „Wir sind Frankfurt“ übernehmen die Teilnehmer/-innen Aufgaben, die zu einer aktiven Willkommenskultur beitragen und die Stadt Frankfurt und ihre verschiedenen Stadtteile zu einem attraktiven Lebensraum für Bürgerinnen und Bürger machen. Ein wesentlicher Teil des Projekts sind die Qualifizierungsangebote mit den Schwerpunkten Projektmanagement, Kommunikation und Präsentation mit Powerpoint, Nutzung sozialer Medien und Veranstaltungsmanagement.

Hartmut Bebendorf, Koordinator für Maßnahmen wie die „Stadtteil- und Kulturarbeit“ im Jobcenter, organisierte die Zusammenarbeit des Filmmuseums mit der GFFB. Interessierte und geeignete Teilnehmer wurden über eine Informationsveranstaltung bzw. einen Workshop gefunden. Insgesamt sechs Projektteilnehmer sind jetzt zeitlich befristet für die Dauer der Filmfabrik bis Ende Januar 2018 im Filmmuseum tätig, betreuen die Besuchergruppen, leiten sie an und unterstützen sie technisch und organisatorisch beim Filmemachen. Daria Berten ist von ihrer Vorbildung, ihren unterschiedlichen Begabungen, Kompetenzen und Erfahrungen positiv überrascht, vor allem auch von dem Engagement, der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. „Damit hätte ich nicht gerechnet“, stellt die Kuratorin fest. Dass sie in Sachen Personal den Kontakt zum Jobcenter Frankfurt gesucht hat, bedauert sie keinen Augenblick. 

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg serviert Kuratorin Daria Berten eine Tasse Kaffee
Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg serviert Kuratorin Daria Berten eine Tasse Kaffee im Café der Filmfabrik – einer beliebten Kulisse für die selbst konzipierten und gedrehten Filme, die von Gruppen zwischen fünf und zwölf Teilnehmern realisiert werden. Hinter dem Tresen GFFB-Geschäftsführerin Barbara Wagner sowie Anuschka Wojciechowski, Fachanleitung im Projekt Stadtteil- und Kulturarbeit (li.).

„Abgedreht“ – Die Filmfabrik von Michel Gondry

Sonderausstellung bis 28. Januar 2018

Einzelbesucher können die kostenlose Tour durch die Filmfabrik dienstags bis freitags zwischen 11.15 Uhr und 15.00 Uhr sowie samstags und sonntags zwischen 10.15 Uhr und 14.45 Uhr alle 45 Minuten starten.

Schulklassen (ab Klassenstufe 6) können die Filmfabrik dienstags bis freitags vormittags kostenlos besuchen. Schulklassen werden auf zwei dreistündige Touren verteilt, die wahlweise um 8.15 Uhr und 9.00 Uhr oder um 9.45 Uhr und 10.30 Uhr beginnen.

Gruppen können die Filmfabrik exklusiv als Programm für Geburtstage, Vereinsausflüge, Betriebsfeiern u. ä. kostenpflichtig buchen. Außerhalb der regulären Betriebszeiten (zwischen 16.30 Uhr und 21.00 Uhr und nach Absprache) steht die Filmfabrik der Gruppe allein zur Verfügung. Teambuilding und Firmenevents werden auch mit anschließendem Dinner, Sektumtrunk in den Kulissen oder nachbereitendem Gruppengespräch angeboten.

Kontakt / Info:

Deutsches Filmmuseum
Schaumainkai 41
60596 Frankfurt am Main
Tel. 069 / 961 220 585
www.deutsches-filminstitut.de/filmmuseum
filmfabrik@deutsches-filminstitut.de
abgedreht.deutsches-filmmuseum.de