Von der Arbeitsgelegenheit in die geförderte Beschäftigung

Foto: Fahrrad flex
100 Prozent Zuschuss zu den Lohnkosten: Auf dieser Basis hat Ulrich Ernst (3. v. l.) Candan Kovalci (Mi.) als Anleiterin im AGH-Projekt „Fahrrad flex“ eingestellt, in dem sie zuvor als Teilnehmerin tätig war. Im Jobcenter Frankfurt betreut

„Fahrrad flex“ – ein Projekt der SFG - Servicegesellschaft für Frankfurt und Grüngürtel gGmbH

Candan Kovalci war die zweite Teilnehmerin der Arbeitsgelegenheit (AGH) „Fahrrad flex“, die die SFG – Servicegesellschaft für Frankfurt und Grüngürtel gGmbH seit August des vergangenen Jahres für das Jobcenter durchführt. Arbeitsgelegenheiten sind die Fortführung der früheren Ein-Euro-Jobs. Wer teilnimmt, kann die Leistungen der Grundsicherung durch einen kleinen Zuverdienst aufbessern. Das Förderinstrument AGH ist vorwiegend für Menschen mit verfestigter Langzeitarbeitslosigkeit ausgelegt, um sie wieder an die Arbeitswelt heranzuführen. Diese Chance hat die 42-jährige Candan Kovalci ergriffen und damit ihre langjährige, bis 2009 zurückreichende Arbeitslosigkeit beendet. Seit Februar 2020 hat sie einen Arbeitsvertrag als Anleiterin in der Fahrraddemontage bei der SFG und betreut ein Team von gegenwärtig sechs Teilnehmern in dieser Maßnahme. Es ist ihr erster „richtiger Job“, wie sie sagt.

Ulrich Ernst, der Koordinator Stadtteilservice bei der SFG, erklärt, dass „Fahrrad flex“ nicht darauf zielt, dass die Teilnehmer bei der Zerlegung von alten und havarierten Fahrrädern mit dem Winkelschneider – auch „Flex“ genannt – zu Werke gehen würden. Tatsächlich gehört die Flex nicht zum Werkzeugsatz, den jeder Teilnehmer für sich verwendet und damit auch ein Stück weit Verantwortung für das überlassene Material zeigen muss. Vielmehr ist der flexible zeitliche Rahmen gemeint, in dem die Teilnehmer in der AGH je nach ihren individuellen Voraussetzungen und Gegebenheiten in Teilzeit eingesetzt werden.

In der Maßnahme geht es um das Re- und Upcycling sowie den Verkauf von Fahrradteilen oder reparaturbedürftigen Fahrrädern, die am alten Tower in Bonames landen. Nur relativ selten werden die Fahrräder Am Burghof in Bonames abgegeben, obwohl auch das möglich ist. Die SFG holt bei Bedarf sogar im Stadtgebiet Frankfurt ab, wenn sie von Firmen angefordert wird. Die Hauptmasse der alten, reparaturbedürftigen und herrenlosen Fahrräder oder Fahrradrahmen ermittelt der Stadtteilservice und sammelt sie ein, wenn der Eigentümer nicht feststellbar ist. Es sind jährlich 2.000 bis 2.500 Fahrräder, die so zusammenkommen, wie Ulrich Ernst berichtet: „Tendenz steigend.“ Sie sollen nicht direkt in der Schrottpresse landen, sondern in der Fahrradwerkstatt systematisch ver- und entsorgt werden. Die Aufgaben der AGHler sind also weiter gefasst:

Die erste Stufe ist die Registrierung der Schrottfahrräder am PC, die Überwachung der Aufbewahrungsfristen – das sind in der Regel drei Monate – die Freigabe zur Demontage oder die Rückgabe an den rechtmäßigen Eigentümer, wie dies bereits vier- oder fünfmal möglich war. Dafür wird ein möglicher Diebstahl bei der Polizei abgefragt bzw. der Chip geprüft. Reparaturbedürftige Geräte werden an bedürftige Personen abgegeben. Der Rest wird demontiert und sortenrein in Metall, Aluminium, Gummi, Plastik und Elektroteile zerlegt. Anschließend wird die Verschrottung terminiert und die Abholung organisiert. Für die Verschrottung sorgt dann die gemeinnützige Gesellschaft für Wiederverwendung und Recycling mbH (GWR). Teilweise werden auch Upcycling-Produkte für das Grünflächenamt, Kindergärten, Schulen, Kirchen und private Gartenbesitzer hergestellt.

Die AGH „Fahrrad flex“ richtet sich an Männer und Frauen, die schon länger arbeitslos sind, zuvor handwerklich tätig waren oder es werden wollen und die sich vorstellen können, in diesen Bereichen eine Beschäftigung aufzunehmen, die sich außerdem zutrauen, die Lagerung und Ausgabe von Fahrrädern, Fahrradteilen und Upcycling-Produkten in der Praxis umzusetzen, und die Interesse daran haben, mit Hilfe der Office-Programme Bestandslisten zu erstellen, Terminvorgaben zu überwachen und einfache Bürotätigkeiten zu erledigen. Damit sollen sie sich auf eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt vorbereiten.

Genau diese Anforderungen erfüllt Candan Kovalci. Die gebürtige Frankfurterin erzählt, dass sie aus einer türkisch-marokkanischen Familie stammt, nach dem Hauptschulabschluss aber keine Berufsausbildung abgeschlossen hat. Die private Situation, die Pflege einer akut erkrankten Familienangehörigen und eigene gesundheitliche Probleme führten dazu, dass sie seit 2009 vom Jobcenter Frankfurt betreut wird und Arbeitslosengeld II bezieht. Ihre letzte Tätigkeit war die einer Verkaufshilfe in Teilzeit.

Das Jobcenter hat in all den Jahren sehr viele Versuche unternommen und sie durch Teilnahme an unterschiedlichen Maßnahmen gefördert. So konnte sie die Sachkundeprüfung nach § 34a GewO erwerben, war aber nur ganz kurz als Minijobbern auf Abruf im Sicherheitsdienst am Fußballstadion eingesetzt. Sie hat eine Weiterbildungsmaßnahme beim Grone Bildungswerk Hessen und eine Umschulung als IT-System-Elektronikerin absolviert. Zu einer Integration auf dem Arbeitsmarkt haben sie nicht geführt. Erst die Umschulung zur Zweiradmechatronikerin Fahrradtechnik beim Verein für technische Berufsbildung Offenbach im Jahr 2018 zeigte neue Perspektiven auf, die jetzt über den AGH-Einsatz zum Erfolg führten.

Die Position als „Anleiterin“ in der SFG-Fahrradwerkstatt ist eine geförderte Beschäftigung. Als Langzeitarbeitslose, bei der andere Förderinstrumente nicht zum Ziel geführt haben, erfüllt Candan Kovalci die Voraussetzungen nach dem Teilhabechancengesetz: Nach einer Arbeitslosigkeit von sieben Jahren greift die Förderung nach § 16i SGB II und der Arbeitgeber erhält in den beiden ersten Jahren der Beschäftigung einen Lohnkostenzuschuss von 100 Prozent zuzüglich der pauschalierten Arbeitgeberanteile. Wie für jeden Arbeitgeber ist dies für die gemeinwohlorientierte SFG in der Rechtsform einer gGmbH ein erheblicher finanzieller Anreiz, eine frühere Langzeitar beitslose einzustellen. Die Entscheidung fiel umso leichter, als sich Candan Kovalci in der AGH voll engagiert und bewährt hatte. Besonders ihr Sinn für Sauberkeit und Ordnung stechen hervor. Das AGH-Team ist für sie inzwischen eine Art „kleine Familie“, wie sie sagt. Ihre Hoffnung richtet sich jetzt darauf, eines Tages in einer ungeförderten Beschäftigung anzukommen.

Die anhaltenden Bemühungen des Jobcenters durch eine nicht endende „Förderkette“ haben zum Erfolg geführt. Es gibt viele Gewinner: An erster Stelle Candan Kovalci, dann der Arbeitgeber SFG, schließlich das Jobcenter selbst und nicht zuletzt die Stadtgesellschaft, die von einem Stadtteilservice profitiert, der unter dem selbsterklärenden Motto arbeitet: „ffmtipptopp“.
Gegenwärtig sechs Teilnehmern ermöglicht das Jobcenter Frankfurt die Teilnahme an der AGH „Fahrrad flex“. In einer Halle am alten Flughafen in Bonames arbeiten sie unter Coronabedingungen – auf Abstand und mit Maske. Auch im Lock-down waren alle Teilnehmer ohne Unterbrechung in der Maßnahme unter strengen Hygieneauflagen tätig.

Candan Kovalci (42) freut sich über ihren ersten richtigen Job als Anleiterin in der Fahrraddemontage bei der SFG – Servicegesellschaft für Frankfurt und Grüngürtel gGmbH.