"Rohdiamanten finden und binden"

Von Dr. Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, Geschäftsfeld Aus- und Weiterbildung

Dr. Brigitte Scheuerle, IHK-Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung
Dr. Brigitte Scheuerle, IHK-Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung

Nach zufriedenstellenden Jahren äußern sich die Unternehmen im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main wieder zurückhaltender zur wirtschaftlichen Lage. So schaltet die Konjunktur zum Frühsommer 2019 einen Gang zurück. Die zum Jahresbeginn geäußerte Skepsis schlägt sich laut unserer aktuellen Umfrage aktuell tatsächlich in einer schlechteren Geschäftslage nieder. Die Konjunktur bewegt sich nur noch knapp über dem langjährigen Durchschnitt. Zudem sinken die Exporterwartungen weiter. Mittlerweile rechnen mehr Unternehmen mit sinkenden als mit steigenden Exporten. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise im Jahr 2009 überwiegen damit die Skeptiker. Die internationalen Handelsstreitigkeiten und die abfl achende Weltkonjunktur hinterlassen hier ihre Spuren. 

Interessant ist, dass trotzdem die Investitions- und auch die Beschäftigungsbereitschaft der Unternehmen unverändert hoch sind! Unsere jüngste Umfrage zeigt: Die größten Kopfschmerzen bereitet den Unternehmen der Mangel an Fachkräften. Zwei Drittel der Unternehmen wollen daher ihren Personalstand halten, jedes fünfte Unternehmen ihn sogar ausbauen. Trotz einer sich eintrübenden Konjunktur wollen sich die Unternehmen die Arbeitskräfte längerfristig sichern. Damit sind unsere langjährigen Hinweise auf die demografische Entwicklung und den steigenden Fachkräftebedarf offensichtlich auf fruchtbaren Boden gefallen.

Allerdings sind unsere Unternehmen auch aufgefordert, ihre Entwicklung von Fachkräften und die Bewerbergewinnung zu überdenken. So hilft das Patentrezept, die Berufsausbildung nur auf Schulabgänger auszurichten, nicht mehr in jedem Fall weiter. Ausbildungsangebote stehen in Konkurrenz zu Studiengängen. Selbst interessante neue Ausbildungsberufe, die gezielt Abiturienten ansprechen sollen wie der Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce oder die gerade für Frankfurt neu geschaffenen Zusatzqualifi kationen „Trendgastronom“, „Küchenmanagement“ oder „Hotelmanagement“ für die gastronomischen Berufe müssen intensiv beworben werden. Die Industrie- und Handelskammer setzt inzwischen viel früher an und informiert gemeinsam mit dem Verein Eltern für Schule e. V. die Eltern mit Viertklässlern über die große Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit, die inzwischen das hessische Schulsystem bietet. 

Arbeitgeber sollten den Blick weiten und weitere Potenzialgruppen für eine Berufsausbildung entdecken. Das könnten Flüchtlinge sein, behinderte Menschen genauso wie Mütter oder Väter, die nur in Teilzeit arbeiten können. Gegebenenfalls könnten aber auch Quereinsteiger ohne passenden Berufsabschluss für ihre derzeitige betriebliche Tätigkeit oder Menschen mit ausländischer Berufserfahrung zu einer Fachkraft weiter entwickelt werden. Natürlich ist die Investition des Arbeitgebers hier höher als bei einem Schulabgänger. Aber diese Investition, die auch gleichzeitig eine Wertschätzung ausdrückt, könnte sich in einer stärkeren Mitarbeiterbindung auszahlen. Was sich beim heutigen guten Arbeitsmarkt auszahlen könnte! Bei diesen Qualifizierungsschritten arbeiten Jobcenter Frankfurt und IHK eng zusammen; Beratung und Förderung gehen somit oft Hand in Hand.

Auch die Ansprache von Bewerbern sollte überprüft werden. Die Instrumente sind heutzutage vielfältig und sollten stark auf die Zielgruppe angepasst werden. Klassische Zeitungsanzeige versus Ansprache in den Sozialen Medien oder Aufkleber auf dem Firmenwagen; Auftritte auf Arbeitgebermessen, Instagram-Bewerbungen oder direktes Empfehlungsmarketing durch die Mitarbeiter selbst sind nur wenige Beispiele. Wichtig ist es auch, das Stellenprofil gut zu beschreiben und in angemessener Zeit auf Bewerbungen zu reagieren. Für die Suche nach Bewerbern für Ausbildungsplätze schafft die IHK Frankfurt mit mittlerweile drei Speed-Dating-Terminen im Jahr eine niedrigschwellige Plattform, bei der Bewerber und Bewerberinnen mit Ausbildungsunternehmen unkompliziert ins Gespräch kommen. Immer wieder sind unsere Unternehmen überrascht, auf welche interessanten potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten sie dort treffen, die sie bei einer postalischen Bewerbung übersehen hätten. Unter dem Titel „Rohdiamanten finden und binden“ bietet die IHK Frankfurt ihren Ausbildungsunternehmen Workshops an, die ihnen helfen, ihre Recruitingmaßnahmen neu zu justieren.

Fazit: Da die demografische Entwicklung nicht zu ändern ist, helfen Klagen über zurück gehende Bewerberzahlen nicht. Und: der Aufwand, Mitarbeiter zu gewinnen, sie zu binden oder sie zu entwickeln, wird fraglos größer. Allerdings gibt es hierfür Unterstützung von Jobcenter und IHK.