Win-win-Situation für Arbeitgeber und Langzeitarbeitslose

Mitarbeiter/-innen aus dem Jobcenter-Projekt "ESF-LZA" eingestellt: Frankfurter Zukunftsrat e. V. und Heimverzeichnis gGmbH

Zukunftsrat
Der Historiker und Volkswirt Prof. Dr. Manfred Pohl (Jg. 1944) ist ein überzeugter Europa- und Euro-Anhänger. Von 1972 bis 2002 war er Leiter des Historischen Instituts der Deutschen Bank, 2002 wurde er zum Global Head of Corporate Culture der Deutschen Bank berufen. Seit 1981 lehrt er an der Goethe-Universität Frankfurt am Main Unternehmensgeschichte und Unternehmenskultur. 1992 wurde er Honorarprofessor. Er ist Initiator und Mitbegründer der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte, hat zahlreiche Publikationen von wissenschaftlichem Rang veröffentlicht und wurde vielfach ausgezeichnet und geehrt.


Für Non-Profit-Organisationen, gemeinnützige Einrichtungen und privatwirtschaftliche Institutionen mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Gemeinwohlorientierung gelten vielfach andere Bedingungen und Voraussetzungen, auch bei der Beschäftigung von Mitarbeitern. An Arbeit und Aufgaben fehlt es meist nicht, die Anforderungen sind mitunter recht speziell, in der Regel sind die Finanzmittel knapp. In diesem Umfeld ist es Donald Federspiel, dem Betriebsakquisiteur des Jobcenters Frankfurt am Main im Sonderprogramm „ESF-LZA“, gelungen, eine Win-winSituation für Arbeitgeber und Langzeitarbeitslose zu schaffen. Durch die hohe Förderung über einen längeren Zeitraum wurden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen und Menschen konnten ihre Langzeitarbeitslosigkeit beenden.

Frankfurter Zukunftsrat e. V.

Dr. Betina Weinmann (55) und Dr. Sven Bade (56) haben neue Jobs. Die Musikwissenschaftlerin und der Biochemiker arbeiten seit September bzw. Oktober 2016 für den Frankfurter Zukunftsrat e. V. In dieser von Prof. Dr. Manfred Pohl geleiteten gemeinnützigen und innovativen Denkfabrik engagieren sich namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Wirtschaft und der Wissenschaften und setzen sich für eine zukunftsfähige Politik und Gesellschaft in Deutschland und Europa ein. Mit den globalen Herausforderungen befasst sich der Zukunftsrat in vier Kompetenzteams: „Politik und Wirtschaft“, „Bildung“, „Gesundheit“ sowie „Religion und Kultur“.

Der geschäftsführende Vorstand Prof. Pohl hat Persönlichkeiten von Rang und Namen für den Zukunftsrat gewonnen – Kristina Gräfin Pilati (Vorstandvorsitzende), Ann Kathrin Linsenhoff (stellvertretende Vorstandvorsitzende) und den Unternehmer Heinrich Deichmann (Kuratoriumsvorsitzender). Dem wissenschaftlichen Beirat gehören z. B. der frühere NRW-Ministerpräsident und Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement, Dr. Bernhard Bueb, der Leiter der Schule Schloss Salem, der Europaparlamentarier Elmar Brok, Prof. Lars Feld (Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung), der Mannheimer Politikwissenschaftler Prof. Thomas König und Experten für künstliche Intelligenz und Digitales Prof. Stefan Kopp, Prof. Jürgen Schmidhuber sowie Jens Redmer (Google) an.

In dieses Umfeld passen Dr. Betina Weinmann und Dr. Sven Bade offensichtlich. Als Assistentin der Vereinsleitung „organisiert sie das alltägliche Chaos“, wie ihr Chef formuliert, während der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Bade die Kompetenzteams koordiniert. Im Grunde sind beide reichlich überqualifiziert für diese Tätigkeiten. Das aber ist nicht wirklich ungewöhnlich und auch die Tatsache, dass beide als Mittfünfziger neue Jobs gefunden haben, fällt nicht total aus dem Rahmen.

Bemerkenswert sind vielmehr die Umstände, wie die neuen Arbeitsverhältnisse zustande kamen: Prof. Pohl – typisch Netzwerker – wandte sich mit seinem Personalbedarf an Karl-Heinz Huth, den Chef der Frankfurter Arbeitsagentur. Es ging um die besonderen Anforderungen der Stellen und auch um eine besondere Förderung, die den begrenzten Möglichkeiten einer gemeinnützigen Einrichtung gerecht wird. Der Agenturchef wusste Rat und stellte den Kontakt zum Jobcenter Frankfurt her, das die Fördermittel aus dem Sonderprogramm „ESF-LZA“ bereitstellen konnte. Der für „ESF-LZA“ zuständige Betriebsakquisiteur Donald Federspiel kümmerte sich um das Anliegen

Die richtigen Kontakte, das geeignete Förderprogramm und die passenden Bewerber – das führte zum Erfolg. Vor allem, dass das Jobcenter in seinem Betreuungskreis die passenden Bewerber fand, war für Prof. Pohl und mehr noch für sein Umfeld eine veritable Überraschung. „Die Beispiele zeigen, dass die Gleichung Jobcenter-Klientel = geringqualifiziert nicht stimmt“, stellt der Leiter der Denkfabrik fest. „Es kommt auf die Person an und nicht auf das Lebensalter oder die Dauer der Arbeitslosigkeit.“

Richtig ist aber auch, dass Dr. Betina Weinmann und Dr. Sven Bade vom Jobcenter Frankfurt am Main betreut wurden und Leistungen der Grundsicherung bezogen, weil sie über mehrere Jahre arbeitslos waren – trotz ihrer anerkannt hohen Qualifikationen. Dr. Weinmann hat in Freiburg i. Br. Musik, Philosophie und Germanistik studiert und wurde 1990 am Musikwissenschaftlichen Institut der Albert-Ludwigs-Universität promoviert – nicht unbedingt in einem „arbeitsmarktnahen“ Fach. Danach war sie als Konzertveranstalterin und Künstlervermittlerin, Produkt- und Promotionmanagerin einer Plattenfirma sowie in Marketing, PR und Öffentlichkeitsarbeit tätig – auch auf selbstständiger Basis. Dr. Sven Bade hat sein Diplom in Biologie an der Philipps-Universität Marburg erlangt und wurde an der Goethe-Universität Frankfurt in Biochemie promoviert. Darüber hinaus hat er ein Medizinstudium absolviert, ohne aber das zweite Staatsexamen abzulegen, weil er erstens sich das unbezahlte Praktische Jahr in Medizin als frisch gebackener Vater nicht leisten zu können glaubte, zweitens bereits gute Abschlüsse und drittens zwei Zusagen für Post Doc-Stellen in der Tasche hatte – eine am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt und die andere am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg –, und viertens ohnehin eher eine Neigung zum wissenschaftlichen Forschen hat als zum Praktizieren der ärztlichen Kunst. Er forschte dreieinhalb Jahre lang am Max-Planck-Institut für Hirnforschung. Bei seinen anschließenden Bewerbungen wurde das nicht beendete Medizinstudium möglicherweise eher als ein Bruch in der Biographie gedeutet.

Zukunftsrat
Donald Federspiel, Betriebsakquisiteur des Jobcenters Frankfurt am Main, Prof. Dr. Manfred Pohl – auf einem Sessel aus dem Büro des früheren Deutsche-Bank-Chefs Hermann Josef Abs –, die Musikwissenschaftlerin Dr. Betina Weinmann und der Biochemiker Dr. Sven Bade (v. l. n. r.). Der Frankfurt Zukunftsrat ist als gemeinnütziger e. V. organisiert und steht in Verbindung mit der Initiative „My Europe“, die jungen Menschen den Europagedanken nahebringt, und dem Frankfurter Kultur Komitee (FraKK) , das aus dem Europoint e. V. hervorging. Die Euro-Skulptur von Ottmar Hörl vor der ehemaligen Europäischen Zentralbank geht auf diese Initiative zurück.


Selbstverständlich sind beide für die Chance zum beruflichen Neustart dankbar. Als hilfreich betrachten sie auch die Begleitung durch einen Coach, der die Teilnehmer am „ESF-LZA“-Förderprogramm obligatorisch einmal wö- chentlich betreut und sich um Probleme so kümmert, dass sie möglichst frühzeitig bereinigt werden. „Ohne die hohe Förderung durch das Jobcenter wären die Einstellungen nicht möglich gewesen“, bemerkt Prof. Pohl und würdigt dabei besonders die Vermittlungsleistung von Betriebsakquisiteur Donald Federspiel. Der Institutschef hofft, dass auch noch eine dritte Kraft gefunden wird. Die Suche dürfte diesmal einfacher sein, weil es um das „arbeitsmarktnahe“ Profil einer Buchhaltungskraft geht.

Heimverzeichnis gGmbH und Institut für Soziale Infrastruktur

Eines der erfolgreichsten Vermittlungsprojekte im Rahmen des ESF-Sonderprogramms für Langzeitarbeitslose („ESF-LZA“) hat eine ganze Reihe von Besonderheiten. Zunächst einmal geht es um „ISIS“. Die Abkürzung hat mit dem „Islamischen Staat“ und verwandten Organisationen nichts zu tun, sondern bezeichnet das Frankfurter Institut für Soziale Infrastruktur, das 1991 von der Soziologin Dr. Karin Stiehr gegründet wurde. Es hat seinen Sitz in der Kasseler Straße 1A im Stadtteil Bockenheim – im „Ökohaus Arche“.

Die Architektur des Hauses ist so ungewöhnlich wie seine Geschichte. In den 80er Jahren verkaufte der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW) sein Hauptquartier an der Mainzer Landstraße an die Commerzbank. Mit dem Ertrag wurde das „Ökohaus Arche“ nach den Plänen der Architekten Eble + Sambeth errichtet. Die zu dieser Zeit wegweisende Konzeption zielte auf eine Verbindung von Ökologie, Baubiologie, Ökonomie und Nutzerfreundlichkeit. Büros, Therapieeinrichtungen, ein Restaurant und Versammlungsräume bilden auch heute noch eine interessante Einheit. 1992 zogen die ersten Mieter ein, das Institut „ISIS“ hat seit 2002 seinen Standort im Ökohaus.

ISIS
Dr. Karin Stiehr, Geschäftsführende Gesellschafterin des Frankfurter Instituts für Soziale Infrastruktur (ISIS), im Gespräch mit dem Betriebsakquisiteur Donald Federspiel vom Jobcenter Frankfurt am Main

„ISIS“ bearbeitet als ein privates sozialwissenschaftliches Forschungs- und Beratungsinstitut Fragestellungen zu Personengruppen, die von Risiken der Benachteiligung bedroht oder betroffen sind, z. B. ältere Menschen, Migrantinnen und Migranten, Menschen mit Behinderung, Arbeitslose oder Angehörige sozialer Randgruppen. „Die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, Chancengleichheit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist ein vorrangiges Thema“, erklärt Dr. Karin Stiehr. „Wir koordinieren Partnerschaften und Initiativen, die auf eine produktive Bündelung der Expertise unserer Projektpartner aus unterschiedlichen Sektoren zielen. Die Überbrückung der Kluft zwischen unterschiedlichen Bereichen der Wissenschaft, Politik und Praxis, z. B. im sozialen Bereich, im Gesundheits- und Bildungsbereich, wurde in zahlreichen ISIS-Projekten erfolgreich bewirkt.“

Eines der zentralen Projekte ist das „Heimverzeichnis“, das inzwischen im Rahmen einer eigenen gGmbH realisiert wird. Das Heimverzeichnis gibt es seit 2009. Damals fehlte eine bundesweit einheitliche Datenbank für stationäre Einrichtungen und es fehlte eine Prüfung dieser Einrichtungen auf „weiche“ Kriterien, die die Lebensqualität maßgeblich beeinflussen. Das gemeinnützige Heimverzeichnis hat mit seiner Webseite www.heimverzeichnis.de und mit dem Qualitätszeichen „Grüner Haken“ die Orientierung für Ratsuchende erleichtert. Gemeinsam mit wichtigen Akteuren der stationären Altenhilfe wurden objektivierbare Kriterien für die Erfassung und Bewertung der Lebensqualität entwickelt. Die Prüfkriterien für die Vergabe des Grünen Hakens sind an die Standards der Weltgesundheitsorganisation und die Charta der Rechte der hilfe- und pflegebedürftigen Menschen angelehnt. Mit etwa 12.000 gelisteten Einrichtungen und rund einhundert ehrenamtlichen Gutachterinnen und Gutachtern bietet das gemeinnützige Heimverzeichnis Ratsuchenden eine umfassende Orientierungshilfe bei der Suche nach Einrichtungen, die für Lebensqualität mit dem Grünen Haken ausgezeichnet wurden

Weniger als ein Dutzend Mitarbeiter arbeiten im Heimverzeichnis. Hinzu kommen etwa einhundert Ehrenamtliche. Das Team der Hauptamtlichen hat in den vergangenen Monaten Verstärkung bekommen. Donald Federspiel als der zuständige Betriebsakquisiteur im Sonderprojekt „ESF-LZA“ hat dabei tatkräftig mitgewirkt und vier neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vermittelt. Auch dank hoher Lohnkostenzuschüsse konnten sie ihre oft über viele Jahre reichende Langzeitarbeitslosigkeit überwinden und sind noch dazu bei einem Arbeitgeber mit hoher Reputation beschäftigt, der vor allem von Aufträgen der öffentlichen Hand – Europäische Union, Bund, Land und Kommunen – lebt und die Öffentlichkeit nicht zu scheuen braucht. Die Betroffenen haben aber so gründlich mit ihrer Langzeitarbeitslosigkeit abgeschlossen, dass sie über ihren Weg eigentlich nicht sprechen wollen. Das ist zu respektieren, aber dennoch ungewöhnlich