Mut zu persönlichen Kontakten und Zuversicht sind dringend notwendig

Von Dr. Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin Aus- und Weiterbildung IHK Frankfurt am Main

Der Ausbildungsmarkt in Hessen und in Frankfurt ist dieses Jahr nicht nur von Corona geprägt, sondern auch von abnehmenden Schülerzahlen. Diese wiederum hängen mit demografischen Entwicklungen und den Auswirkungen der Rücknahme einiger Gymnasien einer G8-Beschulung zusammen. Im Vergleich zum Vorjahr sind in Hessen über ein Fünftel weniger Bewerber und Bewerberinnen mit Hochschulreife bei den Arbeitsagenturen gemeldet.
Der Ausbildungsmarkt in Hessen und in Frankfurt ist dieses Jahr nicht nur von Corona geprägt, sondern auch von abnehmenden Schülerzahlen. Diese wiederum hängen mit demografischen Entwicklungen und den Auswirkungen der Rücknahme einiger Gymnasien einer G8-Beschulung zusammen. Im Vergleich zum Vorjahr sind in Hessen über ein Fünftel weniger Bewerber und Bewerberinnen mit Hochschulreife bei den Arbeitsagenturen gemeldet.
„Wir werden weiterhin dafür werben, dass das Ausbildungsjahr 2021 noch längst nicht mit Bewerbungen abgeschlossen hat.“
In Hessen sieht es ein wenig positiver aus: Die hessischen Industrie- und Handelskammern, deren Unternehmen rund 60 Prozent aller Angebote stellen, haben Ende August 17.396 neue Verträge registriert, 22 mehr als im Vorjahr, aber immer noch 3.220 oder 15,6 Prozent weniger als 2019 zum gleichen Zeitpunkt im Jahr.
Wir werden weiterhin dafür werben, dass das Ausbildungsjahr 2021 noch längst nicht mit Bewerbungen abgeschlossen hat. Unser drittes Speed-Dating haben wir Anfang September erstmals wieder live veranstaltet. Über 180 Interessenten sprachen mit den ausstellenden Unternehmen, um über den persönlichen Kontakt und nicht allein über die Papierform ein Entrée in einen Ausbildungsbetrieb zu erhalten. Wir hatten den Eindruck, dass sowohl die Unternehmen wie auch die Interessenten froh waren, endlich wieder von Angesicht zu Angesicht agieren zu können. Von den 35 ausstellenden Unternehmen zählten übrigens mehr als ein Drittel zu der Gastronomie bzw. Hotellerie und zur Reisebranche!
Mit ihrem Auftritt bei uns haben diese Unternehmen Mut und Zuversicht bewiesen. Und das ist genau das, was wir jetzt alle benötigen. Auch ein Ausbildungsmarkt ist ein Markt, der von psychologischen Einflüssen bestimmt wird. Diejenigen Unternehmen, die von Corona betroffen waren und sind, brauchen den Mut, ihre Ausbildungskapazitäten wieder an den Vorgaben der Vorjahre zu orientieren. Darüber hinaus sollten sie auch wieder ihre Türen und Tore für Schülerpraktika öffnen, die vom Klebe- und Matchingeffekt her zu einem der besten Recruiting-Instrumente zählen. In diesem Zusammenhang muss die Politik natürlich endlich die erforderlichen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Wirtschaften, Handeln und Produzieren wieder uneingeschränkt möglich sind. Die IHK Frankfurt wird hierzu die Unternehmen kontaktieren, die im Herbst keine Plätze besetzen können und bei ihnen Praktika für Schülerinnen und Schüler einwerben.
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Dr. Brigitte Scheuerle
Mut und Zuversicht fordere ich auch bei den Akteuren im Bildungsgeschehen ein. Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass Berufsberatung und Berufsorientierung digital kaum funktionieren. Berater und Beraterinnen der Arbeitsagentur konnten nur online kontaktiert werden, digitale Bildungsmessen waren schlecht besucht, Vermittlungsbörsen waren dagegen aufgrund der konkreten Dringlichkeit gefragt. Mittlerweile wollen Arbeitsagenturen und Jobcenter wieder persönliche Beratung anbieten.
„Diejenigen Unternehmen, die von Corona betroffen waren und sind, brauchen den Mut, ihre Ausbildungskapazitäten wieder an den Vorgaben der Vorjahre zu orientieren. Darüber hinaus sollten sie auch wieder ihre Türen und Tore für Schülerpraktika öffnen.“
Auch Messeveranstalter, Wirtschaftsförderer und andere Organisatoren von Foren, in denen man sich über duale Berufsausbildung oder Studium orientieren kann, sind aufgerufen, möglichst diese als Präsenztreffen zu organisieren. Viele Konzertveranstalter werben derzeit mit dem Slogan „Ins Freie“, das sollte für die Schülerinnen und Schüler und ihre Berufsorientierungsaktivitäten auch gelten.
Mut und Zuversicht ist aber auch in der Gesellschaft gefragt. Natürlich hat das Thema Kurzarbeit und Geschäftsschließungen die Berichterstattung über Wirtschaftsthemen in Corona-Zeiten geprägt. Denn nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Dies hat Eltern und Schulabgänger und -abgängerinnen in ihren Entscheidungen für den Schritt aus der Schule leider stark beeinflusst. Aus Sorge über eine vermeintlich unsichere Zukunft auf dem Arbeitsmarkt haben sich unserem Eindruck nach viele gegen eine Ausbildung und für eine weiterführende Schule oder ein Gap Year entschieden. Doch unsere IHK-Umfrage aus dem Frühsommer zeigt, dass nach über einem Jahr Corona-Pandemie unter den regionalen Unternehmen erstmalig wieder eine leicht positive Gesamtstimmung vorherrscht, auch wenn die Wirtschaft zweigeteilt ist. Auf der einen Seite befinden sich die Branchen, denen es vergleichsweise gut geht, und auf der anderen Seite befinden sich die Branchen, denen die vorhandenen Beschränkungen weiterhin schwer zusetzen. Zu Letzteren zählen das Gastgewerbe, die Reiseveranstalter, die Veranstaltungsbranche, der stationäre Einzelhandel und die personenbezogenen Dienstleister.
„Im IHK-Bezirk Frankfurt am Main lässt sich derzeit ein Engpass von 14.000 Fachkräften feststellen, die Mehrheit davon sind beruflich qualifizierte Fachkräfte, nämlich 9.000, insofern besteht für junge Menschen, die eine berufliche Ausbildung wählen wollen, wirklich kein Anlass für Zukunftssorgen.“
Gute Stimmung herrscht hingegen in der Industrie sowie in der Finanz-, Kredit- und Versicherungswirtschaft. Die Industrie liegt sogar über dem Vorkrisenniveau und fungiert noch stärker als zuvor als stabilisierender Faktor für die hiesige Wirtschaft. Die Industriebetriebe berichten von gestiegenen In- und Auslandsaufträgen sowie von gestiegenen Exporten. Dies hat positive Effekte auf andere Wirtschaftsbereiche wie die unternehmensbezogenen Dienstleister. Insgesamt verbessert sich die Stimmung in allen Branchen, wenngleich die Ausgangsniveaus stark unterschiedlich sind. Diese differenzierte Beschreibung der wirtschaftlichen Lage muss Eltern, aber auch den Lehrkräften nahegebracht werden. Es ist also wichtig, dass sich die Verunsicherung in der Bevölkerung aufhellt, damit junge Leute mit ihren Eltern (an der Seite) den Schritt aus der Schule wagen.
Unser IHK-Fachkräftemonitor zeigt, dass die Auswirkungen der CoronaPandemie den Fachkräftemangel nur kurzfristig gebremst haben. Bereits im kommenden Jahr wird die Zahl unbesetzter Stellen wieder zunehmen. Selbst im zweiten Krisenjahr 2021 übersteigt die Nachfrage noch das Angebot. Im IHK-Bezirk Frankfurt am Main lässt sich derzeit ein Engpass von 14.000 Fachkräften feststellen, die Mehrheit davon sind beruflich qualifizierte Fachkräfte, nämlich 9.000, insofern besteht für junge Menschen, die eine berufliche Ausbildung wählen wollen, wirklich kein Anlass für Zukunftssorgen.