Aufstieg durch Qualifizierung – Mitarbeiterpotenziale fördern und nutze

Von Friedrich Avenarius, Geschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektro-Unternehmen Hessen, Bezirksgruppe Rhein-Main-Taunus e.V. und der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände e.V., Geschäftsstelle Rhein-Main-Taunus

Eine abgeschlossene Berufsausbildung steht in engem Zusammenhang mit Beschäftigungsfähigkeit. Beispielsweise liegt die Erwerbsquote bei Personen mit Ausbildungsabschluss bei rund 70 %, wohingegen sie bei Personen ohne abgeschlossene Berufsbildung bei 48 % liegt.(1) Der vielbesagte Fachkräftemangel äußert sich in der Wirtschaft auf breiter Ebene. So berichten kleine und mittlere Unternehmen, dass 32 % bis 36 % der Fachkräftestellen unbesetzt bleiben, wohingegen in Großbetrieben mit 250 und mehr Beschäftigten lediglich 12,5 % der Fachkräftestellen nicht mit qualifiziertem Personal besetzt werden können.(2)

Um dem Bedarf an ausgebildeten Fachkräften gerecht zu werden, erschließen Unternehmen zunehmend neue Quellen der Fachkräftegewinnung. Eine Möglichkeit ist die abschlussbezogene Nachqualifizierung von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keinen qualifizierten Berufsabschluss besitzen. Vielen geringqualifizierten Erwachsenen gelingt der Einstieg in eine Erstausbildung nicht mehr und die Teilnahme an einer beruflichen Fortbildung wird dadurch erschwert. Verschiedene Möglichkeiten für den nachträglichen Erwerb eines Berufsabschlusses über die sogenannte Externenprüfung bei den zuständigen Stellen sind in den letzten Jahren auf den Weg gebracht worden.

Mit der Arbeitgebermarke „Eine TQ besser!“ haben Arbeitgeberverbände und deren Bildungswerke ein Angebot für die Nach- und Teilqualifikation von Arbeitnehmern und Arbeitsuchenden geschaffen. Das bundesweit anerkannte Gütesiegel steht für Sicherheit, Qualität und höhere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Teilqualifizierungen bieten Beschäftigten begleitend zu ihrer Tätigkeit die Möglichkeit, in einzelnen Abschnitten Fachkenntnisse zu erwerben und sich diese Leistungen zertifizieren zu lassen. Wenn alle Module eines Berufsbildes erfolgreich absolviert werden, ist eine Externenprüfung vor der zuständigen Kammer möglich.
Die Initiative zur Fachkräftegewinnung und -sicherung ist eine Antwort auf den demografischen und technologischen Wandel und die damit verbundenen steigenden Anforderungen am Arbeitsplatz. Mit diesem Angebot für Unternehmen, Beschäftigte und Arbeitsuchende stellen sich deutsche Arbeitgeberverbände und Bildungswerke der deutschen Wirtschaft der Herausforderung des Fachkräftemangels. Auch die Kammern haben im Rahmen einer Pilotinitiative zertifizierte Teilqualifizierungen(3) auf den Weg gebracht.

Das Land Hessen hat mit seiner Initiative ProAbschluss(4) als erstes Bundesland eine flächendeckende Beratungsstruktur zur beruflichen Nachqualifizierung für kleine und mittlere Unternehmen und Beschäftigte aufgebaut. Ergänzend zu den Schulungsangeboten von Bildungsträgern bieten hessische Berufsschulen, begleitend zur regulären Arbeitszeit, individuelle Lernangebote für an-/ungelernte Beschäftigte als Vorbereitung zur Externenprüfung an. 

Trotz der Angebote ist der Weg zum nachträglichen Abschluss für Betroffene und Betriebe aufwändig. Selbstorganisation und Bereitschaft zum Mehraufwand sind notwendige Voraussetzungen, um sich neben beruflicher und familiärer Verpflichtungen nachzuqualifizieren. Auch sind die Teilnehmenden häufig lernentwöhnt und haben sehr unterschiedliche Schulbiografien. Für Betriebe ist es nicht immer einfach, Rücksicht auf die Schulungszeiten zu nehmen. Dennoch gibt es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter/-innen unterstützen und am Ende eine qualifizierte Fachkraft beschäftigen können.

Rechtsanwalt Friedrich Avenarius ist alternierender Vorsitzender des Beirats des Jobcenters Frankfurt am Main
Rechtsanwalt Friedrich Avenarius ist alternierender Vorsitzender des Beirats des Jobcenters Frankfurt am Main

1) Weißhaupt, H., & Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2015). Bildung in Deutschland 2010: Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. Bielefeld: Bertelsmann
2) IWAK-Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (2015): Fachkräftebedarf in hessischen Betrieben. Ergebnisse aus dem IAB-Betriebspanel Hessen 2014. Frankfurt am Main.
3) Grebe et al. (2017): Evaluation der IHK-Pilotinitiative, Zertifizierung von Teilqualifikationen Berlin April 2017
4) www.proabschluss.de