Claudia Czernohorsky-Grüneberg
Claudia Czernohorsky-Grüneberg, Geschäftsführerin des Jobcenters Frankfurt am Main

 

„Im Jobcenter Frankfurt stehen uns vielfältige Instrumente zur Verfügung, die wir zielgerichtet und einzelfallbezogen einsetzen können.“

 

Für neue Wege in der Personalbeschaffung

Jobcenter-Geschäftsführerin Claudia Czernohorsky-Grüneberg über Fördermöglichkeiten, Handlungsperspektiven und Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt

Die Konjunktur läuft anhaltend gut. Die Betriebe brauchen Personal. Hilft dies dem Jobcenter, Menschen in Arbeit zu bringen?

Ja, eindeutig. Ohne offene Stellen gelingt keine Vermittlung. Aber angesichts der relativ lang anhaltenden guten Konjunktur werden auch die Herausforderungen größer, Menschen und Arbeit zusammenzubringen. Das gilt insbesondere für die Menschen, die wir als Jobcenter in Arbeit bringen möchten. Stärker als zuvor müssen wir die Kompetenzen der Kundinnen und Kunden über Qualifizierungsangebote verbessern und diese Kompetenzen deutlich herausstellen. Diejenigen, die von uns im Jobcenter betreut werden und Arbeit suchen, brauchen intensive Unterstützung und Beratung durch uns, auch und gerade in der Kommunikation mit potenziellen Arbeitgebern.
Hat das Jobcenter denn überhaupt die richtigen Leute, die den Anforderungen der Wirtschaft entsprechen?

Der Personalbedarf und die offenen Stellen der Betriebe beschreiben in der Regel die maximalen Anforderungen an den oder die Stelleninhaber. Dem werden unsere Bewerberinnen und Bewerber oft nur eingeschränkt gerecht. Unsere Zahlen zeigen aber anderseits: Ja, es gelingt uns auch unter den genannten Bedingungen, der Wirtschaft interessante Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anzubieten. In den meisten Fällen ist eine intensive Vorbereitung der Kundinnen und Kunden sowie die Beratung der Arbeitgeber im Vermittlungsprozess notwendig. Betriebe kennen den Arbeitsmarkt genau und sind in der aktuellen Situation gerne bereit, neue Wege in der Personalbeschaffung mit uns und unseren Kunden zu gehen. Dies gelingt, indem wir den Fokus von den Defiziten auf das verlagern, was diese Menschen an Fähigkeiten und Kenntnissen in den Betrieb mit- und einbringen können. Als Beispiel nenne ich hier das Programm des Europäischen Sozialfonds ESF zum Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit. Wir haben im Jobcenter Frankfurt mit intensiver Beratung und Begleitung im Bewerbungsprozess inzwischen 315 ESF-geförderte Integrationen in Arbeit seit September 2015 erzielen können, für Menschen über 35 Jahre bei einer Arbeitslosigkeit von über zwei Jahren. 

Wie können Sie einen Arbeitgeber unterstützen – vor allem wenn ein Bewerber oder eine Bewerberin nicht ganz passt?

Im Jobcenter Frankfurt stehen uns vielfältige Instrumente zur Verfügung, die wir zielgerichtet und einzelfallbezogen einsetzen können. Dazu zählt die 
Erprobung im Betrieb von einer bis zu mehreren Wochen je nach Bedarf, um festzustellen, ob eine Person geeignet ist und zu einem Betrieb und zur Unternehmenskultur passt. Liegt mangelnde Berufserfahrung vor oder fehlen Fachkenntnisse seitens der Arbeitnehmer im Hinblick auf die zu besetzende Stelle, unterstützen wir die Arbeitgeber einerseits finanziell mit zum Beispiel einem Eingliederungszuschuss, als Ausgleich für einen erhöhten Einarbeitungsaufwand. Anderseits können wir vor einer Einstellung auch gezielte Qualifizierungsmaßnahmen einleiten und finanzieren, um den Erwerb erforderlicher Kompetenzen zu ermöglichen.

Im Bereich der Ausbildungsvermittlung haben wir zusätzlich die Möglichkeit der Einstiegsqualifizierung (EQ), also eines längeren betrieblichen Praktikums, um einen potenziellen Auszubildenden im betrieblichen Umfeld kennenzulernen und auf einen Ausbildungsplatz vorzubereiten. Berufliche Ausbildung fördern wir zum Beispiel über eine Ausbildungsprämie für Betriebe, die Jugendlichen mit geringeren Ausbildungsaussichten einen Ausbildungsplatz anbieten.

Bei Arbeitgebern, die Arbeitnehmer auf Minijobbasis beschäftigen, werben wir für eine Umwandlung in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und fördern dies mit einer besonderen Prämie („Umwandlungsprämie“). Damit erreichen wir in einigen Fällen, dass Menschen von ihrem neuen Arbeitseinkommen selbstständig leben können und nicht mehr auf Grundsicherung angewiesen sind.

Helfen Eingliederungszuschüsse und besondere finanzielle Förderungen?

Die Einarbeitung von Arbeitslosen – insbesondere von Langzeitarbeitslosen – auf einem neuen Arbeitsplatz bedeutet in der Regel einen hohen Aufwand und Mehrkosten für die Betriebe, meist über die üblichen Einarbeitungsaufgaben hinaus, insbesondere wenn Arbeitnehmer branchenfremd sind oder länger nicht im Berufsleben standen. Kann ein Betrieb uns diesen höheren Aufwand begründen, unterstützen wir ihn finanziell und erhöhen damit den Anreiz, arbeitslose Menschen einzustellen.
Häufig beobachten wir allerdings, dass finanzielle Hilfen nachrangig sind und Betriebe höheren Wert auf persönliche Kompetenzen wie zum Beispiel Arbeitstugenden, Zuverlässigkeit und Motivation legen. In solchen Fällen ist die Förderung nicht ausschlaggebend. Daher legen wir eher den Fokus auf die Aktivierung der Arbeitsuchenden, eine gute Vorbereitung und Motivierung für den Wiedereinstieg in das Arbeitsleben.

Zeigen Ihre Erfahrungen, dass die betriebliche Erprobung (MAG), also eine Art Praktikum, ein guter Weg für Arbeitgeber ist, neue Mitarbeiter zu finden, und gleichzeitig ein taugliches Instrument für Arbeitsuchende, ihren Willen unter Beweis zu stellen? 
 
Absolut. In der aktuellen Situation mit Fachkräftemangel in einigen Branchen sind Arbeitgeber deutlich stärker bereit, Menschen einzustellen, die nicht alle Kenntnisse mitbringen, allerdings nur dann, wenn Motivation, Zuverlässigkeit und Belastbarkeit vorhanden sind. Und dies eben ist am besten im praktischen Alltag im Betrieb zu beobachten und erkennbar. Wenn eine Bewerberin oder ein Bewerber drei oder vier Wochen täglich pünktlich zur Arbeitsstelle erscheint, dabei Interesse und Lernbereitschaft zeigt, steigt die Chance auf einen Arbeitsvertrag deutlich. Ohne ein solches Kennenlernen werden diese Bewerbungen oftmals schon im Vorfeld nicht berücksichtigt.

Sie haben im Jobcenter Frankfurt einen großen Organisationsentwicklungs-Prozess durchgeführt, über den wir in diesem Magazin berichtet haben. Stellen sich jetzt schon Erfolge ein?
 
Wir haben Anfang des Jahres die Beratung der arbeitslosen und arbeitssuchenden Menschen in einem Modell mit drei Türen spezialisiert:

• erste Tür „Arbeitsvermittlung“ für schnelle Vermittlung und Integration, 
• zweite Tür „Integration und Qualifizierung“ für Verbesserung der Bewerberkompetenzen (fachlichen und methodischen Kompetenzen) durch Schulungen,
• dritte Tür „beschäftigungsorientiertes Fallmanagement“ für die Behebung von persönlichen Problemsituationen zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt.

Es zeigen sich nun nach ca. einem halben Jahr stabile positive Ergebnisse. Wir sind auf Kurs bei den Aufgaben „Vermittlung“ und „Qualifizierung“. Das heißt wir haben die Umstellung auf das neue System in einem ersten Schritt ohne Qualitäts- und größere Reibungsverluste erfolgreich bewältigt.

Nun gilt es in einer zweiten Phase, die erwarteten Synergieeffekte und Verbesserungen in Beratung, Vermittlung und Qualifizierung auszubauen und zu verstetigen. Seit Mai diesen Jahres ist erkennbar, dass die Konzentration auf die Vermittlungsarbeit in Tür 1 zu höheren Integrationszahlen geführt hat, genauso wie in Tür 2 die Qualifizierungsanteile deutlich gestiegen sind, so wie es der Auftrag vorsieht. Diese Tendenzen und Trends wollen wir weiter verfolgen und steigern. Wir haben eine gute personelle strukturelle Basis hergestellt und wollen diese Entwicklungen positiv fortführen. 

Setzen Sie auf das Prinzip, Ihre Kundinnen und Kunden intensiver zu betreuen?
 
Intensive Betreuung ist ein wichtiger Schlüssel für erfolgreiche Beratung und Integrationsarbeit. Wir leben diesbezüglich in einem Spannungsverhältnis von möglichst intensiver Beratung bzw. Betreuung einerseits und der Standardisierung von Prozessen anderseits aufgrund der hohen Zahl der zu betreuenden Arbeitslosen und Arbeitsuchenden. Wir haben immerhin ca. 52.000 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, knapp 34.000 davon sind Langzeitbezieher. Wir wenden daher einen Mix an intensiver Betreuung an, indem wir über externe Dienstleistungen und Bildungsanbieter bzw. Wohlfahrtsverbände eine enge Begleitung der Menschen anbieten und andererseits über interne Strukturen für einige Zielgruppen präventive und intensive Beratung und Begleitung zur Verfügung stellen.

Als Beispiele möchte ich das Jugendjobcenter für unter 25Jährige nennen, das Fallmanagement für Menschen in besonders problematischen Problemlagen („Tür 3“), das Team JOB JUMP für Arbeitslose zwischen 25 und 35 Jahren, das ABC-Team für die Gruppe arbeitsloser Erziehenden mit Schulkindern zwischen 6 und 15 Jahren – in all diesen Konstellationen haben wir eine engere intensive Betreuung durch günstige Betreuungsrelationen sichergestellt. 

Es ist ein heikles Thema, aber welche Lösungsansätze haben Sie, wenn ein Arbeitsloser Stellenangebote ausschlägt und „einfach nicht will?“

In der Tat ein komplexes Thema. Wir setzen zunächst präventiv auf eine gute Überzeugungsarbeit in der Beratung und wollen die Vorteile von geregelter Arbeit und Berufstätigkeit vermitteln. Hat ein Arbeitsloser nachvollziehbare Gründe, ein Stellenangebot abzulehnen (z. B. wegen der Pflege von Angehörigen), wird dies im Einzelfall akzeptiert. Lehnt der Kunde ein Arbeitsangebot offensichtlich ab, kommt das Mittel der finanziellen Sanktion zum Einsatz. Eine Zuweisung zu einer Aktivierungsmaßnahme ist ebenfalls ein probates Mittel, um einen Kunden wieder in Tagesstrukturen zu bringen und damit näher an den Arbeitsmarkt. In der Summe haben wir ein abgestuftes Verfahren, welches das Kundenverhalten im Einzelfall und in einem längeren Zeitraum berücksichtigt. Dabei verfolgen wir das Ziel, Biografien mit anhaltender Arbeitslosigkeit zu vermeiden und zu durchbrechen.

Ist bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten inzwischen die Anfangserwartung verflogen und eine gewisse Ernüchterung eingekehrt?

Wir hatten in dieser sozialen Frage anfangs keine sehr hohen Erwartungen, daher sind wir jetzt nicht über die Maßen desillusioniert. Die Zeiträume von der Einreise bis zur Integration in den Arbeitsmarkt sind für den überwiegenden Teil der geflüchteten Menschen erheblich länger, dies zeigen viele Analysen und Untersuchungen zum Beispiel auch des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Ich begrüße daher sehr, dass sich das Thema „Integrationsfähigkeit von Geflüchteten“ in der öffentlichen Wahrnehmung und bei Arbeitgebern auf ein realistisches Maß eingependelt hat.

Wir sind im Jobcenter Frankfurt für die berufliche Integration von Geflüchteten gut aufgestellt. Wir haben bereits früh unterschiedliche Szenarien erarbeitet und die Entwicklung beobachtet, d. h. Zugänge dieser Kunden im Jobcenter regelmäßig ausgewertet. Eine zentrale Clearingstelle für Menschen ab 25 Jahre war und ist zum Beispiel in der Diskussion, die Implementierung war bisher jedoch nicht erforderlich, da es den lokalen Einheiten gelingt, den erhöhten Zulauf an Kundinnen und Kunden mit Flüchtlingshintergrund zu steuern und zu bearbeiten. Das Jugendjobcenter dagegen hat Vermittlung und Beratung geflüchteter Jugendlicher unter 25 Jahren aufgrund der internen Strukturen und Zugangszahlen zentral spezialisiert. An einzelnen Standorten mit besonders hohem Aufkommen an Neukundinnen und - kunden mit Flüchtlingshintergrund ist eine künftige Spezialisierung angedacht, zum Beispiel im Jobcenter Frankfurt West.

Inhaltlich sind wir in der Lage, über interne Kennzeichnung den jeweiligen Förderstatus von Kunden mit Fluchthintergrund auszuwerten, um damit Prognosen bzw. Zuweisungen für spätere Förderbausteine zu erstellen, nächste Schritte einzuleiten und Verfahrensabläufe besser aufeinander abzustimmen. Das Maßnahme-Portfolio enthält neben der durch das BAMF durchgeführten Integrations- und Deutsch-Förderkurse weitere Maßnahmen mit Sprachanteilen.

Das Jobcenter ist handlungs- und reaktionsfähig bezüglich der weiteren Entwicklung und Anpassung von Prozessabläufen und Organisationsstrukturen an aktuelle Erfordernisse in der Betreuung der geflüchteten Menschen, die nach positiver Klärung ihres Asylstatus in den Wirkungskreis des Jobcenter übergehen.