Corona und die Folgen auf dem Arbeitsmarkt der Rhein-Main-Region

Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, zu den Erwartungen und Perspektiven
Dr. Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, zu den Erwartungen und Perspektiven

Wie bewerten Sie die Entwicklung der Kurzarbeit – im Hinblick auf die Verlängerung des Bezugs von Kurzarbeitergeld und des Lockdowns?

Kurzarbeit ist ein wichtiges Instrument, das nach wie vor wirkt und den Arbeitsmarkt stabilisiert, indem Beschäftigung erhalten bleibt und Arbeitslosigkeit verhindert wird. Das hat sich in den letzten Monaten bewiesen, da die Arbeitslosigkeit parallel zur Kurzarbeit gesunken ist.

Der Teil-Lockdown im November und die weiteren Beschränkungen für Dezember und Januar haben nun alles verändert. Aktuell haben wieder mehr Betriebe Kurzarbeit angezeigt: Im November waren es 3.500 Betriebe für 27.500 Personen. Es ist davon auszugehen – das sagen auch unsere Forscher vom IAB –, dass die realisierte Kurzarbeit somit wieder steigt.

Die aktuellen Entwicklungen lassen nicht auf einen baldigen und deutlichen Rückgang der Kurzarbeit hoffen. Jeder weitere Tag des Lockdowns verringert die Chancen auf eine baldige Erholung des Arbeitsmarktes. Wir müssen uns noch länger auf hohe Arbeitslosenzahlen und ab Frühjahr ansteigende Insolvenzen wahrscheinlich im Gastgewerbe und Handel einstellen. Andere Branchen werden davon ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Wenn weniger Menschen mobil sind, weniger Waren transportiert werden, setzt sich diese Spirale weiter fort. Eine ganze Reihe von Branchen sind eng miteinander verflochten.

Der Flughafen Frankfurt war lange der Beschäftigungsmotor der Region. Wie sieht es derzeit aus?

Wir alle wissen, dass die Corona-Krise der Luftfahrt zusetzt. Das trifft nicht nur die Fluglinien, sondern ebenfalls die Fraport AG als Betreiber. Zusätzlich ist der Flughafen Arbeitsort für viele Menschen, die u. a. in Gastronomie, Einzelhandelsgeschäften oder bei großen Gebäudereinigern und anderen Dienstleistern, die zum Teil den Flugbetrieb sicherstellen, angestellt sind. Aktuell hilft das Kurzarbeitergeld auch hier, Entlassungen zu vermeiden. Wie sich der „Jobmotor Flughafen Frankfurt“ letztendlich verändert oder wie lange es dauert, bis er zur Normalität zurückgefunden hat, können wir derzeit nicht sagen. Die bisher kommunizierten Stellenabbaupläne treffen die Rhein-Main-Region hart. Zumal die Arbeitskräftenachfrage stagniert und der Bestand der offenen Stellen in Hessen weit unter dem Vorjahresniveau liegt.

Die Messe Frankfurt bietet normalerweise viele Jobs für Geringqualifizierte. Wie sieht es da momentan aus?

Nicht nur beim Flughafen, sondern auch bei der Messe Frankfurt wird es über kurz oder lang zu strukturellen Anpassungen kommen. Die Digitalisierung wird dort sicherlich noch mehr Einzug halten und dafür sorgen, dass viele Besuche virtuell und Geschäftsanbahnungen digital ablaufen. Das wird sich sicherlich auf die Arbeitskräftenachfrage auswirken. In solchen Veränderungsprozessen haben meist die Personengruppen das Nachsehen, die keine oder eine nur geringe berufliche Qualifizierung mitbringen. Besonders, wenn die Arbeitskräftenachfrage stagniert, wie es aktuell der Fall ist, gelingt die Rückkehr auf den ersten Arbeitsmarkt kaum. Hier versuchen wir mit Anpassungs- bzw. Höherqualifizierungsmaßnahmen entgegenzuwirken.

In der Corona-Krise sind allerdings mehr Menschen mit einem akademischen Abschluss arbeitslos geworden als diejenigen, die einer Helfertätigkeit nachgingen. Das unterscheidet diese Krise von anderen, die wir bisher erlebt haben. Dies gilt besonders für das Rhein-Main-Gebiet. Der hohe Tertiarisierungsgrad der Region stellt sich diesmal als Nachtteil heraus.

Ist die Hotel- und Gastronomiebranche ein Sorgenkind?

Seit April sind im Gastgewerbe gut 50 % mehr Menschen entlassen worden als im Vorjahreszeitraum. Es ist demnach eine der am stärksten betroffenen Branchen. Ich gehe davon aus, dass durch die aktuellen Entwicklungen einzelne Betriebe trotz Kurzarbeit und staatlicher Hilfen nicht mehr durchhalten können. Das Gastgewerbe umfasst viele Klein- und Kleinstbetriebe, die nach fast einem Jahr Corona ihre Reserven aufgebraucht haben, auch weil sie durch die Hygienevorschriften ungeplante Ausgaben hatten. Ebenso wird sich die Transformation der Arbeitsprozesse auf die Branche auswirken. Schon jetzt hört man von vielen Unternehmen, dass sie auch in Zukunft auf Dienstreisen und Präsenz-Meetings verzichten wollen. Das wird im Hotelund Gaststättengewerbe zu weiteren Veränderungen führen.

„Die bisher kommunizierten Stellenabbaupläne treffen die Rhein-Main-Region hart. “

Befördert Corona die Transformationsprozesse in der Wirtschaft?

Aus meiner Sicht: Ja. Vor allem die Diffusion digitaler Technologien hat durch Corona an Fahrt aufgenommen. Besonders deutlich wird dies bei der Nutzung des mobilen Arbeitens. Es wäre wahrscheinlich noch schneller gelaufen, wenn technische Hürden wie etwa eine passende Ausstattung mit Hard- und Software im Home-Office sowie eine bessere Breitbandversorgung in der Fläche schon bestanden hätte. In kürzester Zeit haben sich Online-Konferenzen, Online-Beratungen öffentlicher und privater Dienstleister, der Online-Handel oder auch digitale Lieferdienste wie etwa in der Gastronomie etabliert oder weiter verstärkt. Ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Wir dürfen in dieser Krisenstimmung aber nicht aus dem Auge verlieren, dass dieser Digitalisierungs- und Automatisierungsprozess gut qualifizierte Fachkräfte braucht, die bereits vor Corona fehlten. Die Fachkräftelücke ist geblieben und ebenfalls die demografische Entwicklung in unserer Gesellschaft.