Arbeitsmarkt im Wandel

Prof. Dr. Ulrich Walwei, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, über Herausforderungen und Chancen für die Wirtschaft
Prof. Dr. Ulrich Walwei ist Vizedirektor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, an dem er seit 1988 tätig ist, und Honorarprofessor am Institut für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie der Universität Regensburg.
Vom Arbeitsmarkt kamen von 2005 bis 2019 fast durchgehend gute Nachrichten. Die Erwerbstätigkeit und die für die Finanzierung des Sozialstaats wichtige sozialversicherungspflichtige Beschäftigung legten um sechs bzw. sieben Millionen Personen kräftig zu und erreichten einen Rekord nach dem anderen. Die Arbeitslosigkeit ging um mehr als die Hälfte auf jahresdurchschnittlich weniger als 2,3 Mio. zurück. Für die günstige Entwicklung sind die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen auf den Weltmärkten, die Arbeitsmarktreformen und die über lange Zeit moderate Lohnentwicklung verantwortlich.

Unterstützt wurde der starke Beschäftigungsaufschwung durch die starke Zu- und Einwanderung wie auch die im Trend gewachsene Erwerbsbeteiligung von Müttern und Älteren. Trotz all der guten Nachrichten gab es Ende der letzten Dekade verschiedene Herausforderungen. Die digitale und ökologische Transformation der Volkswirtschaft war bereits unübersehbar. Fach- und Arbeitskräfteengpässe behinderten die Produktion. Ungleichheiten in der Beschäftigung und Entlohnung gehören mehr und mehr zur Realität. Schließlich brachte die Verbesserung der Arbeitsmarktlage den „harten Kern der Arbeitslosigkeit“ immer stärker zum Vorschein.

Im Jahr 2020 befindet sich Deutschland in einer „transformativen Rezession“. Gemeint ist damit, dass sich am aktuellen Rand schwere Konjunkturprobleme und erhebliche Konsequenzen der wirtschaftlichen Transformation überlagern. Die Covid-19-Pandemie hat der deutschen Volkswirtschaft die schwerste Krise der Nachkriegszeit beigebracht und auch den Arbeitsmarkt schwer in Mitleidenschaft gezogen. Die Erwerbstätigkeit ging erstmals seit Jahren wieder nach unten und die Arbeitslosigkeit schnellte nach oben. Die Kurzarbeit erreichte mit in der Spitze knapp 6 Mio. Leistungsbeziehenden und damit rund einem Fünftel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ein Allzeithoch. Wirtschaft und Arbeitsmarkt werden aus heutiger Sicht längere Zeit brauchen, bis sie wieder Vorkrisenstände erreichen. Im Jahr 2021 ist zunächst mit einem sog. „jobless growth“ zu rechnen, also einer Entwicklung in der trotz eines Wirtschaftswachstums kein nennenswerter Beschäftigungsaufschwung stattfindet und sich damit auch die Arbeitslosigkeit nicht wesentlich verringern kann.

„Wirtschaft und Arbeitsmarkt werden aus heutiger Sicht längere Zeit brauchen, bis sie wieder Vorkrisenstände erreichen.“

Die Pandemie beschleunigt zudem die Transformation der Wirtschaft und der Arbeitswelt. Noch vor einiger Zeit war man etwa davon ausgegangen, dass die Diffusion digitaler Technologien noch lange Zeit in Anspruch nehmen würde. Vor der Krise hatten noch weit weniger Betriebe die vielfältigen digitalen Optionen für sich nutzbar gemacht. Inzwischen gibt es klare Hinweise, dass sich durch die Corona-Krise das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Digitalisierung verändert hat. Insbesondere, weil mit Hilfe digitaler Tools Infektionsrisiken eingedämmt werden können, haben Betriebe teilweise umdisponiert. Besonders deutlich wird dies bei der Nutzung mobilen Arbeitens, das durch die Corona-Krise einen beträchtlichen Aufwuchs erfahren hat. Durch die Pandemie traten offenbar bisherige Vorbehalte von Betrieben und Beschäftigten, z. B. die Anwesenheitskultur bei manchen Arbeitgebern oder der Wunsch von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, Beruf und Privatleben klar zu trennen, in den Hintergrund. Die Wirtschaft hätte aber noch besser in Gang gehalten werden können, wenn technische Hürden wie etwa eine passende Ausstattung mit Hard- und Software im Homeoffice sowie eine bessere Breitbandversorgung in der Fläche nicht bestanden hätten.

„Die Pandemie hat veränderten Geschäftsmodellen Schub gegeben.“

Die Pandemie hat darüber hinaus veränderten Geschäftsmodellen Schub gegeben. Zu nennen sind hier etwa Online-Konferenzen, Online-Beratungen öffentlicher und privater Dienstleister, der Online-Handel oder auch digitale Lieferdienste wie etwa in der Gastronomie. Für das Verarbeitende Gewerbe kommt als Treiber der Transformation neben der breiteren Nutzung digitaler Werkzeuge in der Produktion, wie z. B. dem vermehrten Einsatz von Robotern, auch noch die mit dem Klimaschutz einhergehende Dekarbonisierung als weitere strukturelle Herausforderung hinzu. So könnten auf den Zukunftsmärkten Produkte, die entweder klimaschädlich sind oder nicht klimafreundlich hergestellt werden, über kurz oder lang zu „Ladenhütern“ werden. Hierdurch erhöht sich der Druck auf umweltfreundliche Produktinnovationen, z. B. im Bereich des Individualverkehrs.

„Schließlich zeigen sich Grenzen der Globalisierung.“

Schließlich zeigen sich Grenzen der Globalisierung. Es ist zu erwarten, dass sich die schon länger abzeichnende Affinität für regional gefertigte und qualitativ hochwertige Produkte weiter verstärken könnte. Zudem benötigt jedes Land in überlebenswichtigen und damit systemkritischen Bereichen der Gesellschaft eine gewisse Autarkie, um im Notfall nicht alleine auf globale und eventuell nicht mehr intakte Lieferketten angewiesen zu sein. Überdeutlich wurde dies an Engpässen im Bereich von Schutzausrüstungen im Gesundheitssektor oder auch der Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten.

„Die fachlichen Anforderungen auf der betrieblichen Seite werden sich schnell verändern und in der Tendenz weiter erhöhen.“
 
Vieles spricht auch dafür, dass trotz zuletzt ansteigender Arbeitslosigkeit die bereits vor der Krise unübersehbaren Arbeits- und Fachkräfteengpässe wieder zum Tragen kommen werden. Dabei sind zwei Faktoren zu berücksichtigen. Zum einen führt die beschleunigte Transformation der Volkswirtschaft dazu, dass sich die fachlichen Anforderungen auf der betrieblichen Seite schnell verändern und in der Tendenz weiter erhöhen werden. Damit können Tätigkeitsänderungen von Beschäftigten, eine Reallokation von Arbeitskräften in und zwischen Betrieben sowie nicht zuletzt Rekrutierungsprobleme einhergehen. Zum anderen sorgt die demografische Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in den nächsten Jahren für einen Rückgang der verfügbaren Arbeitskräfte.


Vor diesem Hintergrund gilt es arbeitsmarktpolitisch, sowohl die Krise als auch die wirtschaftliche Transformation zu adressieren, am besten durch eine möglichst geschickte Kombination aus Stabilisierung und Innovation. Dies gilt für Wirtschafts-, Finanz- und Arbeitsmarktpolitik. In der Arbeitsmarktpolitik wird es darauf ankommen, gleichermaßen konjunkturorientierte und investive Impulse zu setzen. Durch eine stärkere Verzahnung von Kurzarbeit und zukunftsorientierter Weiterbildung mit Einkommensanreizen für Personen, die in eine abschlussorientierte Qualifizierung gehen, würden sowohl die wirtschaftliche Transformation als auch soziale Ungleichheiten in den Erwerbsbiografien adressiert.

„In der Arbeitsmarktpolitik wird es darauf ankommen, gleichermaßen konjunkturorientierte und investive Impulse zu setzen.“