Der Arbeitsmarkt in Frankfurt - heute und morgen

Von Dr. Christa Larsen und Lora Demireva, Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK), Zentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, so auch in Frankfurt. Die Daten aus dem Projekt regio pro (www.regio-pro.eu/download/2019/Dossier_Frankfurt_am_Main.pdf) verdeutlichen jedoch, dass die Lage in Frankfurt im Vergleich zu anderen Städten und Kreisen in Hessen deutlich weniger angespannt ist. Derzeit bestehen vor allem punktuelle Fachkräfteengpässe. Diese vergleichsweisegünstige Arbeitsmarktlage ergibt sich, weil Frankfurt als große, international aufgestellte Stadt für Arbeitskräfteaus den ländlichen Regionen Hessens, aus anderen Bundesländern und dem Ausland als sehr attraktiv gilt.

Insbesondere junge Menschen von 18 bis 24 Jahren ziehen in die Stadt und nehmen schon oft als qualifizierte Arbeitskräfte eine Beschäftigung auf oderbeginnen hier ihr Studium. Allein im Jahr 2017 zeigte diese Altersgruppemit 8,5 Prozent den stärksten Zuwachs aller Altersgruppen in der Stadt. Auch nach ihrem Studium bleiben viele Neufrankfurter dem Arbeitsmarkt der Stadt erhalten. Darüber hinaus erweisen sich die zentrale Lage, die gute Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur und das umfangreiche Kulturangebot als wichtige Faktoren für die Bindung internationaler Fachkräfte an Frankfurt. Nicht zuletzt lebt der Frankfurter Arbeitsmarkt von den weit über 60Prozent der in Frankfurt Beschäftigten, die täglich über die Stadtgrenzen einpendeln. Das Fach- und Arbeitskräfteangebot in Frankfurt ist sehr gut und führt dazu, dass die Folgen des demografischen Wandels, die in den meisten Regionen Hessens schon heute zu einem großen Fachkräftemangelführen, noch ausgeglichen werden können. In der folgenden Grafik verdeutlichen Prognosedaten aus dem Projekt regio pro diese Zusammenhänge.

Im Zeitraum von 2017 bis 2024 stehen dem Frankfurter Arbeitsmarkt über100.000 Erwerbstätige neu zu Verfügung. Dabei handelt es sich um Frankfurter Einwohner/-innen, die als junge Menschen oder als aktivierte Arbeitsloseneu oder wieder in den Arbeitsmarkt eintreten sowie um diejenigen, die von außerhalb zuziehen. Sie werden gebraucht, um offene Stellen zu besetzen. Nach der Prognose entstehen von 2017 bis 2024 zusätzlich 15.650Beschäftigungsverhältnisse durch Wirtschaftswachstum (Veränderungsbedarf). Der deutlich größere Anteil an der Nachfrage nach neuen Beschäftigtenresultiert jedoch aus dem sogenannten altersbedingten Ersatzbedarf. Dieser stellt auch den zentralen Faktor des demografischen Wandels dar, wonach von Jahr zu Jahr immer mehr Erwerbstätige altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. Bis 2024 wird deren Anzahl immer größer, denn die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer-Generation, die zwischen 1955 und 1970 geboren wurden, treten in die Rente ein. Auch über 2024 hinaus bis zur Mitte der 2030er Jahre werden von Jahr zu Jahr mehr Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt austreten.

Dies bedeutet, dass die Zahl der neu zu besetzenden Stellen immer größer wird. Soll dies gelingen, bedarf es eines kontinuierlichen Anstiegs des Arbeitskräfteangebots in der Stadt. Die Grafik zeigt mit dem erwerbsminderungsbedingten Ersatzbedarf einen weiteren Faktor auf, der die Arbeitsmärkte immer stärker bestimmen wird. Denn mit zunehmend älter werdenden Belegschaften steigt auch die Anzahl der Erwerbstätigen stetig an, die bereits vor der gesetzlichen Altersgrenze aus gesundheitlichen Gründen aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Auch deren dann offene Stellen gilt es in der Zukunft zu besetzen. Von 2017 bis 2024 wird sich ein Mangel von 9.000 Arbeitskräften(Mismatch) in Frankfurt aufgebaut haben. Heute im Jahr 2019zeigt sich dies bereits im punktuell bestehenden Fachkräftemangel in der Stadt.

Handeln mit Weitsicht ist gefragt

Der demografische Wandel mit seinen gerade beschriebenen Folgen wirkt in Frankfurt wie auch in anderen Städten und Kreisen Hessens. Allerdings– und dies ist der große Unterschied zu den Mittelzentren oder den ländlichen Regionen im Land – wird er durch die Zuwanderung noch weitestgehend kompensiert und ist deshalb auch nur schwer zu erkennen. Allerdings, auch wenn sich die Konjunktur eintrüben könnte, würde der Haupttreiber der Nachfrage nach Arbeitskräften in Frankfurt auch zukünftig der altersbedingte Ersatzbedarf sein. Deshalb bedarf es einer breit angelegten Strategie, die zum einen den Frankfurter Arbeitsmarkt nach wie vor für Personen von außerhalb attraktiv macht, die jedoch auch gleichzeitig stark auf die Erschließung bisher noch nicht genutzter Potenziale der Frankfurter Einwohner/innen setzt.

Gerade mit Fokus auf die Frankfurter Einwohner/-innen sind es Frauen und Arbeitslose (besonders viele junge Menschen und Personen mit Migrationshintergrund),deren Potenziale noch besser für Ausbildung, Nachqualifizierung und den Arbeitsmarkt zu erschließen sind. Die zahlreichen Instrumente des Jobcenters Frankfurt am Main und der Arbeitsagentur, aber auch das städtische Arbeitsmarktprogramm sowie viele Projekte zur Unterstützung der Qualifizierung von Frauen und deren Arbeitsmarktzugang sind hier zu nennen. Wichtig ist, dass sowohl Arbeitgeber als auch Beschäftigte und Arbeitslose von diesen Unterstützungsangeboten wissen, um diese gezielt wahrnehmen zu können.

Gleichzeitig liegen noch entscheidende brachliegende Potenziale bei den ca.40 Prozent Frankfurterinnen (Hessischer Lohnatlas, Seite 65 - https://soziales.hessen.de/sites/default/files/media/hsm/lohnatlas.pdf), die in sozialversicherungspflichtiger Teilzeit beschäftigt sind. Flexible Betreuungsangebote für Kinder und zu pflegende Angehörige sowie familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und mobiles Arbeiten können dabei helfen, dass diese Frauenihre wöchentlichen Arbeitsstunden in Richtung Vollzeit erweitern und damit einen zentralen Beitrag zur Fachkräftesicherung, insbesondere in den Bereichen der sogenannten Frauenberufe im Gesundheits- und Pflegebereich sowie der Erziehung, leisten können.

Nicht zuletzt gilt es, die betriebliche Ausbildung zu stärken, die schon heute, auch durch den Trend zur Akademisierung, vor große Herausforderungen gestellt ist. Sogenannte Studienzweifler können immer mehr zu Zielgruppen für Ausbildung werden, denn gerade Frankfurt als Hochschulstandort verfügt hier über ein großes Potenzial. Gleichzeitig wird es auch immer mehr darum gehen, dass sich junge Menschen nicht zwischen betrieblicher und akademischer Qualifizierung entscheiden müssen. Duale ausbildungsintegrierte Studiengänge, die Beides vereinen, stellen die Blaupausen für diesen Weg dar. Für Betriebe sind diese dualen Studienmodelle durchaus interessant, weil darüber zudem potenzielle Führungskräfte aufgebaut werden können. Denn eine der Folgen des demografischen Wandels besteht geradedarin, dass nicht nur eine immer größere werdende Anzahl an Fachkräften fehlen wird, sondern dass ein Großteil der Führungskräfte und Betriebsinhaber der ausscheidenden Babyboomer-Generation angehört. Es gilt Nachfolger/innen vorausschauend aufzubauen, gerade im Bereich der kleinen und mittelgroßen Betriebe in Frankfurt. Weitere Prognosedaten und Handlungsempfehlungen können für den Diskurs der Arbeitsmarktakteure in Frankfurt aus dem „Regionaldossier Stadt Frankfurt“, das im Rahmen des Projekts regio pro erstellt wurde, entnommen werden


Dr. Christa Larsen
Dr. Christa Larsen
Lora Demireva
Lora Demireva