Fadi Bardakji (re.) mit seinem Praktikumsbetreuer Jan Schultheiss, einem Auszubildenden für Fachinformatik Anwendungsentwicklung im zweiten Lehrjahr
Fadi Bardakji (re.) mit seinem Praktikumsbetreuer Jan Schultheiss, einem Auszubildenden für Fachinformatik Anwendungsentwicklung im zweiten Lehrjahr

Ein langer Weg für Fadi Bardakji

Das deutsche Ausbildungssystem und geflüchtete junge Menschen ist ein spannendes und facettenreiches Thema, das wir in früheren Ausgaben dieses Magazins mit Berichten über die Initiativen „Wirtschaft integriert“ und „Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt-Rhein-Main“ (BIFF) bereits aufgegriffen haben. Die Lösungsansätze von Unternehmen wie 
 Siemens, Fraport, DEKA-Bank oder WISAG haben wir genauso dargestellt. Viele andere Betriebe engagieren sich auch. Mittelständische, inhabergeführte, kleinere und innovative Unternehmen stehen nicht abseits, wie das Beispiel der Frankfurter juni.com GmbH zeigt.

Die juni.com GmbH ist eine von Robert Görlich und Florian Keck geführte Agentur mit den Schwerpunkten E-Commerce, E-Content-Lösungen, Webdesign, Marketing und Layout. 15 Mitarbeiter, einige Freelancer und drei Auszubildende bilden ein junges und innovatives Team: „Zu Zeiten, in denen das Internet noch echtes Neuland war, setzte Robert Görlich bereits erste E-Learning- und Webprojekte um“, so die Selbstdarstellung der Agentur, die 2001 aus den vorherigen Aktivitäten von Robert Görlich hervorging, die er im Alter von 19 Jahren gestartet hatte. Der zweite Geschäftsführer Florian Keck studierte in Salzburg Kommunikationswissenschaften mit dem Schwerpunkt Audiovision und Journalismus und war in Vertrieb, Presse- und Medienarbeit, IT und Marketing tätig. 

Die juni.com-Geschäftsführer Robert Görlich (li.) und Florian Keck (re.)  mit Christian Aakipogu vom Arbeitgeber-Service des Jobcenters Frankfurt  am Main
Die juni.com-Geschäftsführer Robert Görlich (li.) und Florian Keck (re.) mit Christian Aakipogu vom Arbeitgeber-Service des Jobcenters Frankfurt am Main

Das juni.com-Team hat eine multikulturelle Affinität, nicht nur weil gelegentlich Aufträge im Outsourcing nach Asien vergeben werden, sondern weil auch ein junger Mann pakistanischer Herkunft ausgebildet und Mitarbeiter aus Rumänien, Marokko, dem afrikanischen Raum und Ländern der früheren Sowjetunion beschäftigt wurden und werden.

Neu im Team ist jetzt ein syrischer Flüchtling aus Aleppo. Noch gehört Fadi Bardakji nicht zur Stammbelegschaft, sondern absolviert ein Praktikum – an einem Tag in der Woche. An den vier anderen Tagen ist Sprachkurs angesagt. Den Level A 2.1 hat der 29-Jährige bereits erreicht, eine höhere Sprachkompetenz ist jedoch erforderlich, auch in der Fachsprache und – unerlässlich für die IT-Berufe – in Englisch, das Fadi in seiner Heimat nicht erlernte. Bevor er 2015 nach Deutschland kam, arbeitete er in einem Copy- und Computershop der Familie. Jetzt hat er die Chance, sich bei juni.com zum Anwendungsentwickler ausbilden zu lassen. Wie alle anerkannten Flüchtlinge und Asylanten wird Fadi vom Jobcenter betreut, er erhält Leistungen der Grundsicherung und hat Zugang zu den Fördermöglichkeiten. Christian Aakipogu vom Arbeitgeber-Service des Jobcenters betreut ihn und das Unternehmen auf dem Weg der beruflichen Integration.

Wie Fadi mit juni.com in Kontakt kam, kennzeichnet die Situation: Über Face book suchte er eine Wohnung. Die Community kümmerte sich um sein Anliegen und aus dem privaten Umfeld heraus entstand die Verbindung zu juni.com. Im Gespräch gewannen Florian Keck und Robert Görlich einen positiven Eindruck von dem jungen Syrer und entwickelten den Plan, ihn an eine Ausbildung heranzuführen. Dafür suchten und fanden sie Rat bei der IHK. Die für Aus- und Weiterbildung zuständige Geschäftsführerin Dr. Brigitte Scheuerle kam in die Agentur und berichtete über die Vorgehensweise in der Initiative BIFF. An diesem Modell orientiert sich jetzt die berufliche Integration von Fadi. Nach einer längeren Praktikumsphase, die mit Fortschritten in der deutschen Sprache verbunden ist, soll die Einstiegsqualifizierung (EQ) folgen. Sie eröffnet die Perspektive auf eine duale Ausbildung zum Anwendungsentwickler. Damit ist klar: Fadi ist auf einem langen Weg. Klar ist auch, dass unzureichende Kenntnisse der deutschen Sprache nicht zum Stolperstein werden dürfen.

Robert Görlich und Florian Keck – mit ihnen das gesamte Team – verstehen die Integration des jungen Syrers als eine ganzheitliche Aufgabe, die über die Vermittlung erster Fachkenntnisse hinausgeht. Bei der Unterstützung ist ein ganzes Netzwerk in Aktion: Die Wohnung fand Fadi schlussendlich über das intensive Engagement von Andreas Raad, den er wiederum über die Kirchengemeinde kennengelernt hat. Jetzt geht es um den Spracherwerb, die Heranführung an die deutsche Arbeitswelt und die Hilfestellung in vielen persönlichen Belangen – auch bei der noch laufenden Familienzusammenführung. Fadi Bardakji ist verheiratet. Wenn seine Frau jetzt mit dem gemeinsamen zweijährigen Kind nach Deutschland kommen wird, sieht es Fadi zum ersten Mal.